Rezension - Orte der Gefangenschaft

Orte der Gefangenschaft
Ana Méndez Ferrell

Im Jahre 2009 erschien in cube8, Voice of the Light Ministries, Konstanz, das Buch von Ana Méndez Ferrell Orte der Gefangenschaft.

Eingangs befinden sich erstaunlich viele Empfehlungen von sogenannten „Aposteln“, u.a. auch Peter Wagner, der sich ja den Titel, „Chairman of the Coalition of Apostels“ gegeben hat.

Es geht hier um angeblich neue Einblicke in die Dimensionen der dämonischen Welt und wie durch neue Strategien der geistlichen Kampfführung die Menschen und besonders auch Christen von solchen Mächten der Armut, Krankheit, Zerstörung, des Todes usw. befreit werden können.

Ana Méndez, die behauptet, schon mehrere Tote auferweckt zu haben, ist in charismatischen Kreisen zum Teil sehr populär. In den 2000er Jahren wird Ana Mendez deutschlandweit durch ihren „apostolisch-prophetischen Dienst“ bekannt. Sie ist Sprecherin auf diversen Konferenzen, vor allem in der von Jobst Bittner gegründeten TOS (Tübinger Offensive Stadtmission) in Tübingen (Apostolic Fire Konferenzen) und im charismatischen Hauskirchen-Netzwerk. Derzeit liegen 6 Bücher von ihr in deutscher Übersetzung vor. Wolfhard Margies war es, der das erste Buch von Ana Mendez in deutscher Übersetzung Den Himmel erschüttern  in seinem AUFBRUCH Verlag im Jahre 2002 herausbrachte und auch das Vorwort zu dem Buch schrieb.

Auch Wolfgang Simson empfahl ihre zum Teil bizarren Erlebnisse in seinem Freitagsfax mit der einleitenden Bemerkung: Sie hört sich an wie ein Kapitel aus der Apostelgeschichte, die Lebensgeschichte der Ana Méndez, die durch verschiedene christliche Konferenzen inzwischen weltweit bekannt geworden ist (Das Freitagsfax, 14. Juni 2002). Auch ihre angebliche Expedition zum Mt. Everest wird zustimmend geschildert. Es ging um einen Gebetseinsatz, um dort ein dämonisches Bollwerk, den Machtbereich „der Himmelskönigin“, zu zerstören.

Auf ihrer Homepage wird sie vorgestellt unter der Überschrift: Vom Voodoo-Kult zur wundererlebenden Christin

Es könnten umfangreiche Abhandlungen als Entgegnung zu diesen Behauptungen, Offenbarungen und neuen Lehren geschrieben werden, doch sollen in erster Linie einige Zitate aus besagtem Buch angeführt werden.

Seite 31: Schon die Überschrift lautet: Das Zeitalter neuer Offenbarungen.
„Jetzt ist die Zeit, in der Gott Reichtümer an Weisheit ausgießt. Das apostolische und prophetische Zeitalter, in dem wir leben, bringt uns neue Dimensionen des Lichtes Jesu. Die Schrift wird mit viel größerer Klarheit verstanden. Es gibt eine nie da gewesene Offenbarung der Kraft und Manifestation des Reiches Gottes.“

Seiten 35-36: Anfang der 80er Jahre ließ der Herr eine Welle ins Rollen kommen, die die Morgendämmerung der prophetischen Bewegung war.

Seite 38: Wir sind in ein prophetisches Zeitalter eingetreten und müssen diese Dinge verstehen. Gott vertraut dieser Generation mehr Verständnis an als den vorherigen. 

Man vergleiche damit Spurgeons berühmte Aussage: „Die Theologie hat nichts Neues zu bringen, mit Ausnahme dessen, was falsch ist. Hier gibt es keinen Fortschritt. Wir mögen in der Erkenntnis Fortschritte machen, aber die Wahrheit Gottes bleibt immer dieselbe - aus diesem einen Grunde: Sie ist vollkommen und kann nicht besser werden.“

Der Apostel Johannes warnt vor fast zweitausend Jahren: „Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben. ... Dies habe ich euch geschrieben von denen, die euch verführen“ (1. Joh. 2,24 u. 26). Man denke auch an 2. Joh. 9 und 1. Kor. 4,6 oder Judasbrief, Vers 3.

Nun sagt die Bibel tatsächlich vor der Wiederkunft Jesu eine sehr erfolgreiche Prophetenbewegung voraus (Matth. 24,11) und spricht auch von faszinierenden Zeichen und Wundern (Matth. 24,24), allerdings warnend, denn diese Charismen und Phänomene geschehen in der Kraft der Verführung.
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Seite 41:  Anas Zwillingsschwester Mercedes wurde von Gott angeblich sechsmal von den Toten auferweckt.

Geschildert werden zahllose Visionen und Reisen in die jenseitige Welt. Teile unserer Seele werden laut Ana Méndez in gewissen Regionen der unsichtbaren Welt gefangen gehalten und daraus müssen sie herausgeholt werden. Dies geschieht, in dem sie „in den Geist geht“ (S. 54), um solch eine Jenseitsreise unter der angeblichen Leitung von Engeln oder Jesus anzutreten.

Seite 49: Zuerst verstand ich, wie die Seele funktioniert. Der Feind zerteilt unsere Seele und setzt sie in Gefangenschaft. Ich wurde Zeuge der geistlichen Welt und ihrer unterschiedlichen Regionen, der Gefängnisse, in denen Seelen gefangen gehalten werden und der zerstörerischen Pläne des Teufels. Ich lernte, durchzubrechen und die gefangenen Seelen durch Jesus Christus herauszuholen.

Wie kommt es zu diesen Fesseln? Durch traumatische Erfahrungen gehen angeblich Teile der Seele verloren und werden in unsichtbaren Gefängnissen festgehalten. Durch Reisen in jene andere Dimension werden nun diese seelischen Bruchstücke freigesetzt und wieder zusammengefügt. Erst dann kann sich völlige Befreiung einstellen. Diese neuen Erkenntnisse des „Befreiungsdienstes“ verbreitet nun Ana Méndez zusammen mit ihrem Mann Emerson Ferrell in ihren weltweiten Seminaren zum Thema „Geistliche Kriegsführung“. Diese Methoden erinnern allerdings mehr an Animismus und die uralten Techniken der Schamanen mit ihren Geistreisen denn an die Lehren des Neuen Testaments .

So schreibt sie auf S. 77: Das war nicht die einzige Gefangenschaft, die ich erlitt. Meine Seele wurde vom Feind viele Male zerbrochen. Ich musste in ein Gefängnis nach dem anderen gehen, um meine Seele herauszuholen. Heute bin ich eine gesunde Person, voller Kühnheit und Fülle in jedem Bereich meines Lebens.

Seite 81: Die Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis, Apg. 12, habe sich angeblich folgendermaßen zugetragen: Dasselbe Erlebnis hatte Petrus, als er von Herodes gefangen genommen wurde. ... Doch die Erfahrung war so tief, dass der Herr die Materie seines Körpers auflöste und außerhalb des Gefängnisses wieder zusammensetzte.

Seite 82: Der Apostel Johannes und die anderen übten sich darin, „im Geist zu sein“, oder den Bereich seiner Herrlichkeit zu betreten. Das war ein wesentlicher Bestandteil ihres geistlichen Lebens. Allerdings wird nur einmal von Johannes berichtet, dass er im Geist war, nämlich in Offb. 1,10.

Eine „Prophetin“ namens Flory González aus Mexiko schildert eine angebliche dramatische Befreiung eines Besessenen. Wir gingen weiter und Jesus ging mit uns. Wir kamen zu noch einer Höhle. Bei dieser Geistreise heißt es dann weiter: Wir sahen den Teil der Seele, den wir suchten. Es war derselbe junge Mann, doch er war erst sechs Jahre alt.  ... Dann sah ich, wie die Seele des kleinen Jungen zu Jesus rannte und verschmolz mit ihm. Dann kamen wir zu einer dritten Höhle, dort fanden wir den nächsten Teil der Seele des jungen Mannes(S. 180-181).

Dieses und andere Fallbeispiele, die seitenlang geschildert werden, ähneln verblüffend dem, was man von Astralreisen von Esoterikern, Medien und auch von der Voodoo-Magie her kennt.

Typisch sind auch die Betonungen des Wohlstandsevangeliums. Seite 66: Millionen von Christen kommen nicht zum Durchbruch in den Bereichen Gesundheit, Charakter und Finanzen.

Zu solchen muss auch Paulus gehört haben. Er konstatierte: „...als die Armen. Aber die doch viele reich machen“ (2. Kor. 6,10). Von vielen Verkündigern dieser Art kann man leider sagen, „als die Reichen, die doch viele arm machen“.

Als Jesus sagte, „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer“ (Luk. 6,20), fehlte ihm offenbar auch dieser Blickwinkel für finanziellen Reichtum, der freigesetzt werden soll. 

Seite 73: Wir sind angeblich Könige über die Pforten der Hölle. ... Hinter diesen Pforten sind gefangene Könige, Söhne Gottes, die nicht das sein können, wozu sie bestimmt sind, weil der Teufel sie nutzlos gemacht hat. Auch geistliche und materielle Schätze werden vor diesen Königen zurückgehalten.

Diese materiellen und sonstige Schätze werden aber nun angeblich durch eine neue Generation von geistlichen Kämpfern und neue Erkenntnisse der spirituellen Kriegsführung zurückerobert. So heißt es gleich weiter: Doch Gott lässt eine Generation von Frauen und Männern mit Verständnis aufstehen, mit Salbung des Kyrus, des Königs von Persien, um Könige wiederherzustellen und aufzurichten und die Gefangenen zu befreien.

Man wird an die Aussage Jesu in Offenbarung 3,17 erinnert. „Du sprichst: Ich bin reich.... und weißt nicht...“
Gemäß diesen Eingebungen sind für sie auch Krankheiten eine Anfechtung bzw. ein Blendwerk des Teufels.
Auf Seite 117 findet sich folgende bizarre Behauptung: Hitlers Ziel war es, sechs Millionen sechshundertsechsundsechzigtausend Juden und Christen umzubringen. Diesen Altar baute er in Auschwitz, Polen.

Auf der Rückseite des Buches ist über Ana Méndez zu lesen: Jesus errettete sie, als sie aufgrund ihrer Verstrickung in den Okkultismus als Voodoo-Priesterin in eine psychiatrische Klinik eingewiesen war und stellte ihr Leben durch sein übernatürliches Eingreifen wieder her.

Was war dies für ein „Jesus“? Bekanntlich gibt es auch einen anderen Jesus (2. Kor. 11,4). Gegen Schluss des Buches wird wiederum ausführlich ein Befreiungserlebnis geschildert, diesmal von einem ehemaligen Homosexuellen und Drogensüchtigen namens David Silva Ríos aus Ecuador. Er wurde mit sieben Jahren vergewaltigt. Sie (Ana und ihr Mann Emerson Ferrell, Anm.) begannen zu beten und baten den Vater um einen Engel, um mir zu helfen. Er sandte zwei und sie konnten sie sehen. ... Sie beteten weiter. Sie baten den Vater, ihnen die Orte der Gefangenschaft zu zeigen, in denen ich mich befand. Gott brachte uns tatsächlich an die Orte, an denen meine Seele war. Es waren unterschiedliche Regionen und Gefängnisse (S. 189).

Seine Befreiung schließlich schildert er folgendermaßen: ...und dann sah ich Jesus. Er nahm die Stelle meines  irdischen Vaters ein. Er sagte: „Vergib mir, mein Sohn, mein geliebter David, dass ich dich als kleinen Jungen im Stich gelassen habe.“ Was geschah, war sehr stark. Ich fühlte eine körperliche Explosion. Der Sohn Gottes bat mich um Vergebung, obwohl ich es war, der ihn im Stich gelassen hatte (S. 191).

Hier sollte man nun auch bei größtem Wohlwollen und freudiger Offenheit für alles Übernatürliche merken, dass bei diesem „Jesus“ etwas nicht stimmen kann. Um Vergebung bittet, wer falsch gehandelt oder gesündigt hat. Es handelt sich, wie so oft in unseren Tagen, um einen fremden Geist, dessen willige Annahme seitens der Gläubigen von Korinth schon damals Paulus beklagen musste (2. Kor. 11,4).

In ihrem Klassiker „Kampf nicht wider Fleisch und Blut“ warnten schon am Beginn des vorigen Jahrhunderts Jessie Penn-Lewis und Evan Roberts mit Berufung auf 1. Tim. 4,1, dass vor der Wiederkunft Jesu der Feind Gottes Legionen verführerischer Geister losschicken würde, um all die zu verführen, die für übernatürliche Eingebungen empfänglich sind. Wie viele lassen sich z.B. beim Beten in passives, apathisches ‚Warten auf Gott’ hineinsinken oder bringen ihren Geist absichtlich zum Schweigen, um ‚Eindrücke von oben’ zu empfangen, die sie für göttliche Offenbarungen halten  (Jessie Penn-Lewis „Der bedrohte Christ“, Exodus, S. 141-142).

Die „Prophetin“ Ana Méndez Ferrell, so ist anzunehmen, dürfte eine fromm getarnte Schamanin sein. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so buchstäblich den von Paulus am Ende der Tage vorausgesagten Lehren der Dämonen (1. Tim. 4,1) entspricht.

Allerdings ist zu befürchten, dass eine neue Generation, die – jedenfalls zum Teil - durch „Hörendes oder Prophetisches Gebet“ und andere Techniken auch im evangelikalen Bereich immer mehr für Eingebungen aus der jenseitigen Welt empfänglich wird, diese „Offenbarungen“ womöglich als Bereicherung empfiehlt oder eben als nicht so schlimm empfindet bzw. stehen lässt.


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