Zur Person
Bücher von Alexander Seibel:

 

Alexander Seibel wurde 1943 in Wien geboren. Sein besonders Interesse galt den Naturwissenschaften. Die Evolutionstheorie erschien ihm als Tatsache und dadurch war er zunächst überzeugter Atheist. Was diese Weltanschauung zum Einsturz brachte, war die biblische Prophetie. Hier erkannte er besonders im Zusammenhang mit den Voraussagungen über das Volk Israel, daß sich erstaunliche Einzelheiten erfüllt haben. Der Gedanke an Zufall wurde ihm immer unwahrscheinlicher.

Während seines Studiums fand er zum Glauben an Jesus Christus. 1971 beendete er sein Studium als Diplom-Ingenieur. Seit 1982 wohnt er in Deutschland und ist vollzeitig unterwegs in der Verkündigung im Reiche Gottes. Geprägt von seinem eigenen Werdegang greift er gerne die Themen Glaube und Denken auf. Dadurch ist Apologetik neben evangelistischer Verkündigung zu einem Schwerpunkt seiner Dienste geworden.

Seit 1982 wohnt er in Deutschland. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.


Auftrag und Ziel

Ein besonderes Anliegen ist mir, daß die Christen im Glauben und in ihrem Vertrauen in die Heilige Schrift gestärkt werden. Gegenwärtig ist in der Bibelfrage eine ziemliche Aufweichung zu beobachten. Es liegt mir sehr am Herzen, aufzuzeigen, welch ein verläßliches und einmalige Buch die Bibel ist, gerade auch vom intellektuellen Stanpunkt.

Als jemand, der öfters die verschiedenen Kontinente besucht hat, muß ich auch beobachten, wie die Verführung und Verwirrung in den Gemeinden und unter den Gläubigen um sich greifen. Als noch junger Christ bin ich selber in die charismatische Bewegung geraten und mußte nach einer zu Beginn sehr faszinierenden Phase später allerdings feststellen, daß es sich um einen Irrgeist handelte. Wörtlich ist mir widerfahren, was Paulus in 2. Kor. 11,4 beklagt.

So ist es von meiner Biographie her mein besonderer Wunsch, Christen vor ähnlichen Täuschungen zu bewahren. Leider habe ich je länger je mehr den Eindruck, daß auch immer mehr Gläubige betrogen werden wollen. Die Wahrheitsfrage wird zweitrangig. Gerade dagegen anzukämpfen und wachsam zu werden, ist mir ein besonderes Anliegen.

Dies ist auch der Inhalt zweier von drei Büchern, die ich geschrieben habe. Es behandelt das Thema Verführung und die unbiblische Betonung von Zeichen und Wundern in diesen unseren Tagen. Doch nach wie vor ist das größte Wunder, wenn Menschen Buße tun und Vergebung der Sünden empfangen. Dafür lohnt es sich, unterwegs zu sein.

Ich war naiv!

Ich war naiv! Roger Schutz, der Gründer des Ordens von Taizé, erklärte öffentlich: „In jedem menschlichen Wesen wohnt der Heilige Geist“ (idea spektrum Nr. 5/97, S. 4). Ich meinte, nun wisse auch der ahnungsloseste Christ, daß dies vielmehr New Age oder Mystizismus ist, aber nicht die biblische Botschaft sein könne. Taizé sollte für Evangelikale kein Thema mehr sein. Fehlanzeige! Das Treffen von Taizé in Stuttgart Ende 96 und in Wien Ende 97 fand überwiegend positive Echos und gerade auch von offiziell evangelikaler Seite gab es nur wohlwollende Kommentare. Roger Schutz rufe die Leute zu Gott und wirke eben auf seine Weise. Außerdem sei die mystische Stille des Ordens von Taizé für unsere Spiritualität besonders wertvoll.

Ich war naiv! Martin Bühlmann erklärte im Zusammenhang mit dem Toronto-Segen, weil auch Ungläubige die gleichen Erfahrung machen: „Wir werden stark an die Verheissung in Joel erinnert...erinnert. Der Geist Gottes soll auf alles Fleisch fallen, was für uns so viel bedeutet wie auf alle Menschen. Es besteht nicht notwendigerweise eine Voraussetzung des Glaubens“ („Ufgstellt“, Nr. 10, Okt. 94, S. 14). Nach diesem Offenbarungseid, so meinte ich, würde nun wiederum der naivste Schwärmer merken, daß dies nicht gut der Geist Gottes sein kann, sagt doch Jesus ausdrücklich, daß die Welt ihn nicht empfangen kann. Es wäre eine einmütige Abgrenzung der Schweizer Evangelischen Allianz von so offensichtlicher Irrlehre zu erwarten. Fehlanzeige: Martin Bühlmann hat nach wie vor eine der schnellstwachsenden und einflußreichsten Gemeinden in Bern und ist für Christian Schwarz sogar ein „Prototyp des Gemeindebauers“ (Christian A. Schwarz „Die dritte Reformation - Paradigmenwechsel in der Kirche“, Verlag Aussaat / C & P, 1993, S. 254).

Ich war naiv! Die ersten Meldungen über den Toronto-Segen lauteten, wie, wiederum in der Gemeinde von Martin Bühlmann, ein Teilnehmer vier Tage lang „unaufhörlich gezuckt“ habe (idea Nr. 71/94). So meinte ich, darüber brauche man kein Wort mehr verlieren. Auch der unterbelichtetste Christ würde dies durchschauen und merken, daß so etwas nicht von Gott sein kann. Fehlanzeige: Dies sei ein Wirken Gottes und man müsse dies differenziert sehen. Eine primitive Schwarzweißmalerei helfe nicht weiter.

Ich war naiv! Als die Schlüsselfiguren des Toronto-Segens, Rodney Howard-Browne und Benny Hinn erklärten, wie sie angeblich von Gott gezeigt bekommen haben, wie sie den Heiligen Geist durch Anhauchen weitergeben können, daß nun auch faktisch jeder merken müßte, wie hier eine Instrumentalisierung und Verfügbarkeit des Heiligen Geistes propagiert wird. Fehlanzeige: Etwas, das so viele Christen erfaßt, und Gläubige positiv verändert, könne nicht grundsätzlich falsch sein. Außerdem dürfe „nicht daran gelegen sein, das Toronto-Phänomen unter Dämonie-Verdacht zu stellen“ (idea Dossier, Schweiz, Nr. 1/95, S. 5).

Ich war naiv! Heinrich Christian Rust kommentierte den Toronto-Segen. Mit Berufung auf Joh. 16,12-14, wo Jesus feststellt „ich habe euch noch vieles zu sagen...“ erklärte er: „Es stellt sich die Frage, was denn das ‘vieles’ am Anfang der Aussage bedeutet...In diesem Wort mag eine biblische Verankerung dafür zu finden sein, daß es Wirkungsweisen des Heiligen Geistes gibt, die uns in der Heiligen Schrift nur ansatzweise berichtet werden, heute aber eine größere Ausbreitung finden“ (idea Dokumentation 27/94, „Umstrittener Toronto-Segen“ S.5).

Diese Stellungnahme, auch in „dran“ abgedruckt, läuft zum Teil verblüffend parallel, bis hin zum Zitieren der gleichen Bibelstellen, mit den Darlegungen der frommen Spiritisten (z.B. Universelles Leben), um ihre neuen Offenbarungen zu rechtfertigen. So meinte ich naiv, nun werde man erkennen, wie dieser Mann sowohl diakritisch wie exegetisch inkompetent ist. Es sei anzunehmen, daß man ihn aus den Verkehr zieht oder aus etwaigen einflußreichen Posten entfernt.

Fehlanzeige: Solche Minusleistungen scheinen kaum noch jemanden zu beunruhigen. Heinrich Christian Rust ist heute Leiter der Heimatmission der Baptisten und verantwortlich für den deutschen Zweig der Promise Keepers. Es erinnert an die Aussage von Dekan Rolf Sauerzapf, der zur Honorierung der politisch linkslastigen Falschpropheten feststellte: „Bedauerlich ist natürlich, daß die, die sich geirrt haben, gerade oft erst nach der Wiedervereinigung hohe Ämter erhalten haben, so als ob falsche Prophetie in der Kirche geradezu noch belohnt würde“ (idea spektrum 50/97, S. 16). Falsche Prophetie wird leider heute fast weltweit belohnt, nicht nur in der Landeskirche.

Ich war naiv! Die Zeitschrift Charisma berichtet, wie Immanuel Malich, Chefredakteur der Lehrzeitschrift „Der Auftrag“ von „Jugend mit einer Mission“ durch den Toronto-Segen einfach „wegsegelt“, wobei seine Hände zittern, das Kinn wackelt und er heftig pusten muß. „Das erwähnte ‘Pusten’ erlebte ich als Reaktion auf eine Berührung des Heiligen Geistes in der Magengrube“ („Charisma“, Nr. 92, April-Juni 95, S. 10-11). Dies ist nun so offensichtlich eine Parallele zu den Okkultphänomenen von Yogis und Schamanen, die gerade in diesem Energiebereich des Magens (Chakra) die Interaktion der Geister wahrnehmen, daß es nun offenbar sein müßte, welcher Geist wirklich hinter JMEM steht. Eine Bewegung, die in den letzten Jahrzehnten praktisch alle Irrströmungen in das evangelikale Lager eingeschleust hat. Fehlanzeige: JMEM ist ein von Gott reich gesegnetes Missionswerk und wenn wir auch nicht immer allem zustimmen können, soll man sich vor Pauschalierungen hüten. Außerdem, wer heute große Zahlen und Erfolge aufweisen kann, hat offensichtlich auch recht.

Ich war naiv! Es gibt jede Menge Bilder und Karten die zeigen, wie der jetzige Papst vor der schwarzen Madonna niederkniet. Noch dazu ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Anbeten (proskyneo), vor jemanden die Knie beugen. So meinte ich, sei auch dem blauäugigsten Protestanten bewußt, vor allem aber den Evangelikalen, daß dies Götzendienst ist, und die Bibel erklärt nun einmal keine Gemeinschaft mit den Götzendienern zu haben. Irrtum: Der Papst gilt für viele Evangelikale, besonders in den USA, als vorbildlicher Bruder, der ein Geschenk Gottes ist.

Ich war naiv! Derselbe Papst sprach einen sonderbaren Frommen nach dem anderen zuerst selig und dann heilig. Das, so meinte ich, würde den Zorn der Protestanten, deren Name ja ihre Einstellung zu Rom verrät, heraufbeschwören und dies als blasphemische Anmaßung brandmarken. Irrtum: Bezüglich dieser selbstherrlichen Handlungen des Bischofs von Rom herrscht ein großes Schweigen.

Ich war naiv! Ich glaubte, jemand wie Aimee Semple McPherson keine Anhänger um sich scharen und Einfluß ausüben könnte, jedenfalls ernstzunehmenden. Diese Frau, Gründerin der Four Square Gospel, war mehrmals verheiratet (auch die dritte Ehe wurde bald geschieden), mehrmals in der Psychiatrie, „Ja, Aimee beschrieb selbst ihre Liebesaffären und ihre göttlichen Führungen in einer Artikelserie, die sie in einer auflagestarken Tageszeitung veröffentlichte“ (Hutten „Seher Grübler Enthusiasten“, Quell Verlag Stuttgart, 1982, S. 307). Hier sollte man auch bei größter Ahnungslosigkeit merken, daß dies nicht der Geist Gottes ist, der durch diese Frau gewirkt hat. Schließlich erkennt man ja bekanntlich an der Frucht den Baum.

Fehlanzeige: Die Foursquare Gospel ist eine besonders in Südamerika schnellwachsende, weltweit an Einfluß gewinnende Bewegung, deren bekanntester Repräsentant vielleicht Jack Hayford in Los Angeles ist. Er war es, der beim Lausanner Kongreß in Manila 1989 versuchte, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen und die Zuhörerschaft aufforderte, sich dem Geist (welchem?) zu öffnen. Gemäß „Dictionary of the Pentecostal and Charismatic Movement“ war Aimee McPherson „die herausragendste Führerin, die die Pfingstbewegung bis heute hervorgebracht hat“, (Zondervan Publishing House, 1988, S. 571).

Ich war naiv! Benny Hinn erklärte öffentlich, wie er seine Ausrüstung mit Kraft am Grabe von Aimee McPherson empfangen habe: „Ich fühlte eine grandiose Salbung...ich zitterte am ganzen Körper...zitterte unter der Kraft Gottes...Oh Gott, sagte ich, ich fühle diese Salbung ...Ich glaube, die Salbung muß über Aimees Leib geschwebt haben“ (in einer Predigt vom 7. April 1991). Nun, so meinte ich, sollte eigentlich jeder wissen, daß dies Spiritismus, einer frommer Totenkult und nicht der Heilige Geist ist. Irrtum: Benny Hinn (obwohl einige nach seinem Auftritt in der Schweiz, Basel, aufgewacht sind) ist inzwischen der führende Fernsehevangelist Amerikas, jedenfalls was Heilungsshows angeht, mit einem millionenschweren Einkommen.

Ich war naiv! Bonnke erklärte, wie Gott ihm gesagt haben soll: „Meine Worte sind in deinem Mund genauso mächtig wie Meine Worte in Meinem eigenen Mund“ (Ron Steele „Die Hölle plündern“, Leuchter Verlag, Erzhausen 1986, S. 35). Bei der Feuer-Konferenz in Frankfurt brüllte er gleich siebenmal hintereinander ins Mikrophon: „I release the fire of the Holy Ghost, (Ich setze das Feuer des Heiligen Geistes frei)“ (Videoaufzeichnung über die Feuer-Konferenz). So meinte ich, wie nun auch der blauäugigste Schwärmer erkennen sollte, daß dies mehr an Größenwahn denn an die Demut Christi (Phil. 2) erinnert. Fehlanzeige: Der Mann, dem Gott angeblich gezeigt hat, wie er nicht mehr Menschen-, sondern Völkerfischer ist, findet immer mehr Anklang auch im evangelikalen Bereich und war der Starredner bei der Feier anläßlich des 50jährigen Bestehens des Bundes der Freikirchlichen Pfingstgemeinden im vergangenen Jahr. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit erklärte er, wie sich bei ihm 1 Million Menschen bekehrt haben (idea spektrum 20/97).

Ich war naiv! Beim Gebetsmarsch in Berlin, Mai 1992, lud Keith Warrington den „Heiligen Geist“ nach Deutschland ein, da er angeblich am Beginn dieses Jahrhunderts wegen der Berliner Erklärung aus Deutschland vertrieben worden war („Charisma“, Nr. 81, Juli-Sept. 1992, S.3). Berthold Becker, Leiter von Fürbitte für Deutschland, erklärte bei einem Treffen in Kassel, man solle in die verschiedenen Himmelsrichtungen rufen „Heiliger Geist, komme über Deutschland“. Ich meinte, nun sollte auch der toleranteste Fromme merken, wie hier ein Machbarkeitswahn vorliegt, der auf einem magischen Weltbild gründet. Es sei anzunehmen, daß man sich von Vertretern solch eines falschen Gottesbildes distanzieren würde.

Fehlanzeige: Der Schulterschluß gerade mit diesen Leuten ist mondän geworden und wird systematisch vorangetrieben. Die Warnung des Apostels Paulus „Ziehet nicht am fremden Joch (2. Kor. 6,14)“ ist im Zeitalter des Pluralismus nicht sonderlich gefragt. Fast hat man den Eindruck, daß man heute konsequent genau das Szenario durchzieht und die Tat umsetzt, das er so eindrücklich aufzeigt und zu verhindern sucht (Verse 15-16).

Ich war naiv! Heidenreich sammelte Abendmahlsreste und vergrub sie in der Mongolei, was für ihn eine Segnungshandlung bedeutete. Er bejaht voll den Toronto-Segen, preist seine Powerwiese an, wo die Teenager reihenweise zurückfallen und spricht sogar im Zuge der neuen Technowelle von „Rave 4 Christ“ bzw. „Tanz den Techno für den Herrn“ und von „Eternal Rave“ (Champ 3/96). So meinte ich, sollte ein normaler Evangelikaler erkennen, wie hier nicht nur ein magisches Weltbild vorliegt, sondern auch ein fremder Geist am Wirken ist. Es war anzunehmen, daß die Evangelikalen um diesen Irrgeist einen großen Bogen machen würden. Fehlanzeige: Der Schmusekurs mir dem anderen Geist ist heute voll angesagt. Die Verbrüderung läuft auf hoher emotionaler Welle.

Diese Generation hat auch keine Berührungsängste mehr. Ähnlich wie man im Sichtbaren sich immer wahlloser vermischt und es auf sexuellem Gebiet kaum noch Schranken gibt, so ist auch im Geistlichen heute kaum noch Abgrenzung feststellbar.

Ich war naiv! Im Rahmen von evangelistischen Angeboten beim Kirchentag war zu lesen, wie Roland Werner dort in Leipzig verkündigte. Es wurde ein Abendfestival organisiert. Mit von der Partie war eine Tanzgruppe. „Die Marburger Tanzgruppe „Imago Dei“ deutet - zu modernen Rhythmen vor einem Kreuz tanzend - wegweisend nach oben“ (idea spektrum 26/97, S. 30). Ich meinte, es sollte ein Erschrecken bei den Evangelikalen darüber geben, daß man nun soweit ist, vor dem Kreuz herumtanzen. Die heiligste Stätte der Christenheit, auch wenn nur symbolisch dargestellt, wo der Gottessohn ein schreckliches Ende erlitt, der Ort für Tanz und Herumspringen? Sind wir wirklich schon so degeneriert? Nun müßte ein Aufschrei zu erwarten sein. Fehlanzeige: Der Aufschrei blieb nicht nur aus, keine kritische Stimme regte sich. Ganz im Gegenteil, dies gilt heute als besonders progressiv und die Jugend ansprechend. Roland Werner und sein Team gelten als Speerspitze moderner Evangelisation. Es ist, wie einmal Dr. Huntemann konstatierte: „Diese Generation kann einen nüchternen Glaubenswandel nicht mehr ertragen. Sie braucht eine religiöse Sinnlichkeit bzw. sinnliche Religiosität“. Gerade dies wird ihr heute überreichlich angeboten, denn schließlich möchte man ja nicht als altmodisch gelten.

Ich war naiv! Die Sprache der Jesus Freaks ist so abstoßend und der Gosse entnommen, daß, so meinte ich, man nun doch merken müßte, wie dies unmöglich einem Geist unterstellt werden kann, der heilig ist. Irrtum: Die Jugend ist heute anders, und man muß sich eben anpassen. Schließlich wurde ja Paulus auch dem Juden ein Jude und dem Griechen ein Grieche (wie es gewöhnlich zitiert wird und so gar nicht dasteht).

Ich war naiv! John Wimber, inzwischen verstorben, berichtete, wie ihm die Beine wegrutschten, als er das Wort Heiliger Geist erwähnte („Die Dritte Welle des Heiligen Geistes“, Projektion J, 1988, S. 40). An anderer Stelle konnte man sogar von John Wimber lesen, „Manchmal bekomme ich Schmerzen in verschiedenen Teilen meines Körpers, das zeigt mir an, welche Krankheiten Gott bei anderen heilen will“ („Vollmächtige Evangelisation“, Projektion J, 1986, S. 69). Nun müßte es, so glaubte ich, offenbar sein, welche Kraft hinter ihm stand, er ein in evangelikale Wolle gekleideter Geistheiler war. Irrtum: Wer so charmant lächelte und lieb war, konnte nur vom Heiligen Geist erfüllt sein. „Aufatmen“ stellte ihm eine einflußreiche Plattform zur Verfügung.

In seinem Buch „Vollmächtige Evangelisation“ zitierte er auch Ignatius von Loyola als Beleg für übernatürliche Kraft in der Kirchengeschichte. Sogar Lourdes wurde von ihm als Ort geistlicher Vollmacht aufgelistet. Gegenüber dem Erzbischof von Anaheim erklärte Wimber : „Ich möchte mich bei Ihnen im Namen aller Protestanten entschuldigen, daß wir die katholische Kirche verlassen haben und für die Dinge, die wie über Sie und die Kirche gesagt haben“ (Dave Hunt „Occult Invasion“, Harvest House, 1998, S. 687). Wiederum meinte ich, sollte es offenbar sein, daß dieser Mann keinen Durchblick hatte. Fehlanzeige: Die Durchblickslosen feierten ihren Durchblickslosen.

Ich war naiv! Agnes Sanford berichtete, wie die Geister der Verstorbenen durch uns angeblich wirken und so einen Kraftzustrom vermitteln („Heilendes Licht“, Ökumenischer Verlag Edel, 1978, S. 151-152). Dies ist, so meinte ich für jedermann klar erkennbar, wiederum frommer Spiritismus. Fehlanzeige: Sie war eine der einflußreichsten angeblich evangelikalen Schriftstellerinnen Amerikas. Einer ihrer Schüler, der auch ihre Visualisierungstechniken übernommen hat, ist Richard Foster. Seine mystischen Erfahrungen werden in der Zeitschrift „Aufatmen“ buchstäblich wärmstens empfohlen. Sein „Gebet beim Kaffeetrinken“ ist ein Paradebeispiel für diese Sanfordsche Mystik („Aufatmen“, Nr. 1/96, S. 52).

Ich war naiv! Der Jesuit Fred Ritzhaupt (inzwischen hat er den Orden verlassen) erzählte, wie er seine Umkehr bei den ignatianischen Exerzitien erlebte. Ignatius von Loyola war der Gründer des Jesuitenordens, der Orden, der die meisten protestantischen Gläubigen verfolgt, bekämpft und umgebracht hat. Nur die Kommunisten haben noch mehr Christen getötet. Weiters sagte Ritzhaupt: „Durch viele Kontakte, vor allem im Ausland, wurde mir bewußt, daß sich meine Exerzitienerfahrung lückenlos in das einfügen läßt, was weltweit heute als ein geistgewirkter Aufbruch (gemeint ist die charismatische Erneuerungsbewegung, Anm.) innerhalb der Christenheit festzustellen ist“ (aus „Charisma“, Jesus-Haus Düsseldorf, Sonderausgabe, S. 206). Nun sollte es offenbar sein, so meinte ich jedenfalls, welch ein Geist hinter dieser Bewegung steht und warum Charismatiker so problemlos mit der katholischen Kirche zusammenarbeiten können. Fehlanzeige: Wer heute noch vor dieser Bewegung warnt, ist ein unverbesserlicher Betonkopf. Sie ist nach genereller Meinung eine unglaubliche Bereicherung für die Gemeinden, obwohl sie, nach eigenem Zeugnis, die meisten Gemeinden in diesem Jahrhundert gespalten hat.

Ich war naiv! Phil Elsten von den „Cansas City Propheten“ forderte beim Seminar zum Thema „Der prophetische Dienst“ beim Gemeindekongreß 1993 in Nürnberg das anwesende Publikum auf, man möge ihm die Handflächen zeigen. Gott würde dadurch besondere Einsichten geben. Nun meinte ich, sei wiederum auch dem vernebelsten Schwärmer klar geworden, daß dies Wahrsagerei und nicht biblische Prophetie ist. Friedrich Aschoff, Leiter dieses Seminars, sollte, so könnte man erwarten, beschämt bekennen, daß man einem Wahrsager auf den Leim gegangen ist. Auch der Leiter dieser Propheten, Mike Bickle, war anwesend. Er berichtete, wie er ein Brennen in der Magengegend und ein Heißwerden seiner Hände spürte. Dies war für ihn das Zeichen, daß das „Feuer Gottes“ unter den Seminarteilnehmern wirken werde (Wolfgang Bühne, fest und treu, Nr. 65/94, S. 15). John Paul Jackson, ebenfalls auf diesem Seminar und „bewährter“ Prophet, erklärte der Los Angeles Times ohne mit der Wimper zu zucken, wie er die Fähigkeit habe, Gott zu riechen. „Gott duftet nach Rosen“ („Power Religion“, Moody Press, 1992, S. 65). Wer sollte da noch zweifeln, welche Mächte hier wirklich im Spiel sind? Fehlanzeige: Diese Hellsehereien waren für die Kongreßteilnehmer natürlich göttliche Charismen. Mike Bickle steht hoch im Kurs und schreibt in „Aufatmen“ von dem zärtlichen Gott, der für uns Leidenschaft und Zuneigung hat (Mike Bickle, „Keine Angst mehr vor Gott“, „Aufatmen“, Sommer 1996).

Ich war naiv. Als das Enneagramm auf den Markt kam, wurde offen zugegeben, wie es gar nicht aus christlichem Hintergrund stammt, sondern aus islamischen. Der berühmte Kaukasier Gurdjew war so davon begeistert, steht stolz im Vorwort, daß er eigene Tanzschritte dazu entwickelte. Gurdjew gilt nach Alister Crowley als der größte Okkultist unseres Jahrhunderts. Nun also ist es offensichtlich, welcher Geist dieses Buch inspiriert hat. Fehlanzeige: Es wurde zum Bestseller innerhalb der Evangelikalen und wurde u.a. von der Pilgermission verkauft wie die warmen Semmeln.

Ich war naiv! Richard Rohr, Mitherausgeber von dem Enneagramm, erklärte wörtlich: „Die Inkarnation ist bereits die Erlösung“ („Der nackte Gott, Claudius Verlag München, 1987, S. 16). Also nicht der Tod am Kreuz, sondern allein schon die Menschwerdung Jesu. Nun also, so glaubte ich, ist es für jeden erkenntlich, daß es sich hier um ein anderes Evangelium handelt, das unter dem „anathema“ des Paulus (Gal. 1,8) steht. Fehlanzeige: Richard Rohr, damals vom Magazin „Punkt“ wärmstens empfohlen, ist ein lieber Bruder in Christo, dessen Bücher zum Renner wurden..

Ich war naiv! Martin Luther King wurde lange Zeit als großes Vorbild gehandelt. Seine besondere Hingabe galt aber nicht nur den Unterdrückten, sondern auch fremden Frauen. So hat er schließlich selber zugegeben: „Ich bin bis zu 27 Tage im Monat von zu Hause weg, und Fucking ist schließlich eine Form der Angstreduktion“ (Die Schweizer Zeitschrift „Weltwoche“, 21. 5. 87). Dies sollte nun, so meinte ich, besonders den Evangelikalen die Augen öffnen und man sollte nach anderen Vorbildern Ausschau halten. Fehlanzeige: Nach wie vor wird Martin Luther King wie ein Heiliger und großer Mann Gottes gehandelt. Andreas Malessa klagte gar, „man habe eines der größten christlichen Vorbilder der Nachkriegszeit besudelt.“ Die Zeitschrift „Gemeindewachstum“ im Zusammenhang mit dem Gabentest versteigt sich sogar zu der Behauptung: „Seine Glaubenskraft veränderte Amerika: Martin Luther King“ (Nr. 51, Heft 4/92, Beilage „Kirche für morgen“ S. 9). Vielleicht sollte man die Bibel umschreiben. Nicht die Ehebrecher und Unzüchtigen werden von Gott gerichtet, sondern die, die sich nicht aktiv für Gesellschaftsveränderung einsetzen.

Ich war naiv! Peter Wagner berichtete unter dem Titel „Territoriale Geister und Weltmission“ im Zusammenhang mit sog. Geistlicher Kampfführung, wie es im Bermuda Dreieck spukte, weil in der Zeit der Sklavenhändler dort so viele Sklaven umkamen, bzw. über Bord geworfen wurden. Ein Missionsarzt fühlte sich gedrungen, eine Eucharistiefeier mit dem Ziel abzuhalten, die unzeitgemäß verstorbenen Seelen zu befreien. „Als Resultat davon wurde der Fluch aufgehoben“ (Evangelical Missions Quarterly, Nr. 3, Juli 89, S. 284). Nun, so meinte ich, sollte es für jeden Evangelikalen offensichtlich sein, daß dies eine Totenmesse ist und nichts mit biblischer Theologie zu hat. Peter Wagner, der noch dazu sein Haus mehrmals salbt, um böse Geister abzuwehren, würde keinen Einfluß mehr haben in den evangelikalen Kreisen, bestenfalls bei Katholiken, die ja mit Totenmessen vertraut sind. Fehlanzeige: Peter Wagner ist angeblich die herausragende Kapazität für Gemeindewachstum. Die arrivierten Evangelikalen sitzen andächtig zu seinen Füßen. Magie und frommer Spiritismus im akademischen Gewand ist offensichtlich anders zu beurteilen und darf nicht so primitiv klassifiziert werden.

Ich war naiv! Das „Dictionary of the Pentecostal and Charismatic Movement“,das der Pfingstbewegung durchaus nicht abgeneigt ist, erwähnt, wie angeblich Jesus, angezogen als Feuerwehrmann, Yonggi Cho erschien. („Jesus appeared to him later in the night dressed as a fireman, called him to preach , and filled him with the Holy Spirit“, ibid, Zondervan Publishing House, 1988, S. 161). Jetzt, so meinte ich, müßte man eigentlich bei größtem Wohlwollen erkennen, welchem Jesus und Geist dieser Mann wirklich dient. Auch warum Peter Wagner solch magische Ansichten vertritt, der seine Geistestaufe durch David (früher Paul) Yonggi Cho erhalten hat. Fehlanzeige: Wer die größte Kirche der Welt aufgebaut hat, muß unter dem Segen Gottes stehen. Nach seiner Namensänderung von Paul zu David Yonggi Cho bat ihn „die weltweite Organisation der Assemblies of God, ihr Präsident zu werden“ (Gemeinde Erneuerung, Nr. 47, 1/93, S. 37). Pfarrer Urs Schmid bezeichnet ihn in einem kürzlich erschienen Bericht sogar als „Altmeister des Gemeindebaus“ („Lernen am koreanischen Gemeindewachstum“, idea magazin Nr. 17/97).

Ich war naiv! Christian Schwarz erwähnt in seinem „Gabentest“ nicht nur Agnes Sanford, sondern natürlich auch Peter Wagner und John Wimber als begnadete Charismatiker. Wimbers Hellseherei „er sieht bisweilen Buchstaben auf der Stirn seiner Gesprächspartner“ („Der Gabentest“, 1989, S. 106) ist für ihn göttliche Prophetengabe. Dabei könnte man gerade über Wimbers Falschprophetien Bände schreiben. Der große Missionar Ludwig Nommensen wird (zurecht) als Beispiel für die Gabe des Glaubens genannt, gemeinsam mit dem notorischen Ehebrecher Martin Luther King (S. 88). Es ist dieser Gabentest ein Dokument der Durchblickslosigkeit, solch freiwillige Geistabdankung, daß er bestenfalls, so meinte ich, als Negativbeispiel dienen könnte. Fehlanzeige: Der Gabentest wird von allen möglichen, sich evangelikal nennenden Kreisen und Theologiestudenten ehrfurchtsvoll wie eine Quelle der Inspiration herumgereicht.

Besonders naiv ist, wer meint, die Bibel habe heute noch Autorität. Man ist bestens an den Zeitgeist angepaßt und hat seine eigenen Maßstäbe gesetzt. Wer denkt, dies sei übertrieben, der beachte nur einmal, wie heute die Frauenfrage behandelt wird, auch von den Kreisen, die sich angeblich nach der Bibel richten. Schon Tozer klagte vor einigen Jahrzehnten, wie Christus so gut wie keine Autorität mehr unter denen habe, die sich nach Seinem Namen nennen. Besonders naiv ist, wer meint, es werde sich noch etwas ändern und die Gläubigen wären dankbar für das Aufzeigen dieser Häresien. Im Gegenteil. Man stört den konfessionellen Frieden, ist negativ und offensichtlich kritiksüchtig.

In dieser Generation ist der Kampf um die biblische Wahrheit megaout. Gefragt ist heute das Feeling, das schön Wir-Gefühl des gemeinsamen Gleichklangs der Seele. Gefragt ist nicht mehr die Trennung von Sünde und Irrlehre. Lieber betrogen, als im schönen Einheitsgefühl beunruhigt zu werden. Gefragt ist heute der Zusammenschluß mit allem, was sich christlich nennt. So kann man eine große Sympathie mit allen möglichen Wölfen im Schafspelz feststellen. Über die Schafe, die sie zerreißen, breitet man diskret den Mantel des vornehmen Schweigens.

Für diese postmoderne Generation habe Paulus demnach den Galaterbrief eigentlich völlig falsch geschrieben. Er hätte erklären sollen, wie viel er mit den Christen dort gemeinsam hat. Sie glauben an den ewigen Sohn Gottes, die Auferstehung, die Himmelfahrt, die Wahrheit der Heiligen Schrift usw. Dieses Gemeinsame hätte man pflegen sollen, dadurch wäre ein Prozeß des Näherrückens zustande gekommen. Der neue Tenor lautet: "Der Weg kann nur sein, daß jeder sein Sondergut - das kann ja auch ein von Gott anvertrauter Weg sein - behält. Daß man aber eine gemeinsame Basis findet und sagt: Die Dinge, die uns trennen, lassen wir heraus, und auf dieser Basis finden wir uns - das scheint mir der Weg zu sein, um Einheit auch in der Öffentlichkeit Gestalt finden zu lassen. (Aufatmen, Winter 96/97, S. 58).

Von dieser modernen Zeitgeistbrille her beurteilt, nun zu sagen, daß die Galater nur wegen der Beschneidung das ganze Evangelium verändert haben und deswegen unter dem Fluch sind, ist lieblose, apostolische Engstirnigkeit, die es zu überwinden gilt. Unsere Bravo-, Video-, Porno-, Disco- und Techno-Generation ist das viel weiter. Sie braucht all die Aussagen nicht mehr, sondern empfindet intuitiv, wie beispielsweise bei Taizé, ohne papierenen Papst und Buchstabenrechthaberei, wie wir eigentlich alle uns auf dem wahren Weg befinden und wie groß die christliche Bandbreite angeblich wirklich sei.

Auch wenn man sich evangelikal nennen mag, in Wirklichkeit ist man im Herzen längst liberal geworden. Diese in Wahrheit Liberalen haben, ähnlich wie in der Politik, die meisten Schlüsselpositionen schon besetzt und arbeiten Tag und Nacht daran, die noch verbliebene tatsächlich evangelikale Christenheit diesem Paradigmenwechsel zu unterziehen. Christian Schwarz, die Verantwortlichen der Zeitschrift „Aufatmen“ und anderer angeblich evangelikaler Magazine sehen sich offensichtlich der Vision von Fritz Schwarz verpflichtet: „Einheit von Charismatikern und Pietisten, Einheit von Rechten und Linken, Einheit von Historisch-kritischen und Fundamentalisten, Einheit von Katholiken und Protestanten“ (Fritz Schwarz, „Ich verweigere mich“, S. 49). Es ist das Credo der postmodernen Generation. Wahrscheinlich werden sie zum Ziel kommen, denn wer erfolgreich ist, darf nicht hinterfragt werden.

Alexander Seibel


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