Zu Besuch in Madagaskar

Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen... Jak. 1,27

Am 31. März 06 folgte ich der Einladung von Markus und Renate Jakob zu einem Besuch in Madagaskar. Mit von der Partie war ihre blinde Adoptivtochter Tsiory.

Bewegt von der extremen Unterernährung vieler Kinder, haben Jakobs eine Arbeit in diesem Land angefangen, um solchen Kleinen in Not helfen zu können. Sie haben Kinder aufgenommen, ernährt und für diejenigen, die keine Möglichkeit hatten in ihre Familien zurückzukehren, haben sie gläubige junge Eltern gesucht, die willig waren, Pflegekinder aufzunehmen. Auf diese Weise sind einige Großfamilien entstanden, eine Mission, genannt AEF (Aide aux Enfants et Familles), finanziell getragen von Spenden aus Europa.

Nun hatte ich das Vorrecht, diese Familien kennen zu lernen. AEF hat einige Grundstücke erworben und einfache Häuser errichtet, um die Großfamilien mit 16-20 Kindern gut  unterzubringen. „Gut“ bedeutet: ein Elternschlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Essraum, je ein Mädchen- und ein Jungenzimmer, eine einfache Küche und Dusche/WC. Es ist nicht nötig, für jeden ein Bett zu haben, 2-3 kleinere Kinder teilen sich gerne eine Schlafstätte. Selbstverständlich helfen die Kinder mit. Nach der Landessitte wird auf einem kleinen Kohleherd Reis gekocht, dreimal am Tag. Ich habe mich gewundert, welch große Portionen Reis die Kinder essen! Eine Familie von 20 Personen hat einen Reisverbrauch von ca. 100 Kg im Monat! Dazu gibt es ein wenig Bohnen, Gemüse, Fleisch oder Fisch. Beeindruckt haben mich auch die Eltern dieser Familien: Paul und Vola in Fianarantsoa, Jaona und Alphonsine, Armand und Harimino in Toliara, wegen der Art und Weise, wie sie mit den Kindern umgehen. Sie sind liebevoll, machen keine Unterschiede zwischen ihren eigenen und den Pflegekindern. Sie sind ruhig und wirken überhaupt nicht gestresst oder hilflos! Sie strahlen eine liebevolle Autorität aus.  Wenn sie mit ihren Kindern singen, wird einem warm ums Herz! Sie singen mit Begeisterung, Freude und lauter Stimme!

Hier sieht man Lanto. Als sie von Jakobs aufgenommen wurde, damals ein Baby von neun Monaten, wog sie nur 2,7 kg und war schwerkrank. Man kann erkennen, wie wunderbar sie sich erholt hat und wir freuten uns zu sehen, wie sie sich nun gesund entwickelt.

Unser Besuch war natürlich auch ein Anlass, ihnen mal eine besondere Freude zu machen: So haben sie ein Joghurt als Nachtisch bekommen! Das genießen sie, denn die Familien besitzen keinen Kühlschrank, außerdem sind Joghurts zu teuer für sie. Wir hatten auch kleine Geschenke mit, aber die Bälle waren der Höhepunkt! Für die zwei Familien in Toliara sollte die besondere Überraschung die Finanzierung eines Picknicks im Freien sein. Alles wurde gut vorbereitet: die Frauen haben in stundenlanger Arbeit ein Festessen vorbereitet. Die Väter haben einen Bus gemietet. Wie übergroß war die Freude und Begeisterung der Kinder, als am Morgen des Ostermontags endlich mit über einer halben Stunde Verspätung ein ca. 40 Jahre alter klappriger Bus ankam. Das Ziel des Ausflugs war ein schöner Strand mit Kokospalmen an einer malerischen Bucht am Kanal von Mozambique, ca. 35 Km entfernt. Der Fahrer fuhr in einem halsbrecherischen Tempo über die Naturpiste, sämtliche anderen Fahrzeuge überholend, während die Kinder ein Lied nach dem anderen sangen. An dem schönen Ort angekommen, stellten wir fest, dass tausende von anderen Menschen auf die gleiche Idee gekommen waren. So drängte sich Mensch an Mensch in die Schattenplätze. Sofort waren auch alle möglichen Verkäufer zur Stelle. Sogar Hühner und Schweine wollten vom Picknick profitieren. Die Kinder genossen das Tollen im klaren, warmen Wasser und die seltenen Leckerbissen der Mahlzeit im Freien.

Die Rückfahrt allerdings wurde zu einem besonderen Erlebnis, da der altersschwache Bus von einer Panne zur anderen stolperte und der Mechaniker, der sicherheitshalber mitgefahren war, alle Hände voll zu tun hatte. Nach vier Stunden, als nichts mehr ging, konnten wir für die letzten sechs Kilometer in ein großes, leeres Taxi-Brousse umsteigen. Ich hatte diese LKWs schon beobachtet: sie haben eine offene aber überdachte Ladefläche mit 22 Bänken. Zwischen den Bänken befindet sich noch ein Gang für die Stehplätze. Zusätzlich können sich die Leute noch seitlich oder hinten am Fahrgestell festhalten oder zur Not sich zum Gepäck auf das Dach setzen. Das ist sehr praktisch, denn so können leicht 100 Personen oder mehr mit einem einzigen Fahrzeug mitgenommen werden.

Wenn die Kinder älter werden, stellt sich die Frage nach ihrer Zukunft. Daraus erwuchs eine neue Aufgabe für AEF: Die Schaffung einer Ausbildungsstätte für Jugendliche. Wir besuchten zwei Zentren: In Mananjary haben Claudia und Marie-Jeanne die Verantwortung und in Morondava Bertine und Elisa. Diese Lehrerinnen kümmern sich rund um die Uhr um die 6 bis 10 Schülerinnen und unterrichten sie. Ihre Fächer sind: Haushaltsführung, Nähen und Sticken, Biblischer Unterricht, Hygiene, Säuglingspflege, Mathematik, Madagassisch, Französisch. Versuchsweise wurden in Mananjary von einem Lehrer auch zwei Jungens unterrichtet, unter anderem auch in Maurern, Schreinern und praktischer Landwirtschaft.

AEF, vertreten in Madagaskar durch Frau Nirina, steht nun vor einer neuen Herausforderung. Es geht darum, verstoßenen, jungen schwangeren Frauen und ledigen Müttern mit Kind eine Heimat auf Zeit und eine Ausbildung zu geben. Das Grundstück in der Nähe von Antsirabe ist schon gekauft. Es bedarf vieler Gebete, bis alles geklärt, das Haus gebaut ist und die zukünftigen richtigen Hauseltern gefunden sind.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lag Madagaskar noch, geistlich gesehen, im Dunkeln. Der Sklavenhandel blühte: jedes Jahr wurden 3000 – 4000 Madagassen als Sklaven verkauft und in alle Welt verschifft. Die Gesetze im Land waren oft sehr hart, so dass Sträflinge mit einer unmenschlichen Behandlung rechnen mussten. Das Volk war im Allgemeinen  sehr religiös und abergläubisch. Die madagassische Kultur wird bis heute durch den Ahnenkult geprägt. Der Tod bedeutet weder Ende noch Trennung, sondern den Übergang in eine andere Form des Lebens. Daher sind die Geister der Verstorbenen überall gegenwärtig. Die wirkliche Macht geht von den Vorfahren, den „razana“ aus, deren Schutz und Wohlwollen man sich durch Zaubersprüche und Opfergaben erhalten muss. Die Familiengräber sind deshalb öfters gepflegter als die Wohnstätten der Lebenden. Alle paar Jahre werden zudem die Toten exhumiert und die Gebeine in neue Leinen eingewickelt. Diese Zeremonie, „famadihana“ genannt, ist mit einem großen und teuren Familienfest verbunden. Um die Kosten zu decken werden vielfach hohe Schulden gemacht. Das tägliche Leben wird, vor allem auf dem Lande, auch von den Tabus, „fady“, bestimmt:  man darf nicht sagen, tun oder essen, was „fady“ ist. Die verschiedenen Tabus wurden von den Vorfahren diktiert. Im alltäglichen Leben ist es nicht möglich, ihnen zu entkommen. Auch die Wahrsagerei, „sikidy“, bedrückte das Volk. Die „sikidy“ bestimmte über das Schicksal eines Neugeborenen,  sagte ob es das Recht zum Leben hätte oder getötet werden müsste. Bis heute werden Kinder, die an einem „Unglückstag“ zur Welt kommen oder Zwillinge sind, ausgesetzt. Dieses magische Denken beeinflusste alle Entscheidungen und Taten der Menschen.

Auch in Europa war der Zerfall der Gesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts weit fortgeschritten, aber durch die Predigten von G. Whitefield und J. Wesley erwachten ganze Landstriche zu neuem Leben. Eine Folge war, dass man nicht mehr nur an sich selbst dachte, sondern anfing, sich Gedanken zu machen über das Leben der Menschen in fernen Ländern und auf exotischen Inseln. Auch der Direktor einer Bibelschule in Wales war innerlich bewegt über die Not in Madagaskar. Als er seine Schüler mit der Herausforderung konfrontierte, dorthin zu gehen, meldeten sich zwei junge Männer, David Jones und Thomas Bevan. Beim Aussendungsgottesdienst wurden diese sehr gestärkt durch die Anwesenheit von 5000 Menschen. Die mehrstündige Versammlung musste draußen abgehalten werden, da kein Gebäude die vielen Besucher fassen konnte.

1818 kamen die Missionare mit ihren Familien in Tamatave, an der Ostküste Madagaskars an. Aber schon bald erlag einer nach dem anderen dem Fieber, erst die Kinder und Frauen, und Ende Januar 1819 starb Thomas Bevan. David Jones, alleine übrig und mehr tot als lebendig, fuhr zur Erholung auf die Insel Mauritius. Doch er wusste sich von Gott nach Madagaskar gerufen und war entschlossen, nicht aufzugeben. Außerdem hatte er erfahren, dass der König Radama I. ihn zu sich in die Hauptstadt Antananarivo eingeladen hatte. 1820 fing er seine Arbeit dort mit der Gründung einer Schule an und 8 Jahre später waren es schon 32 Schulen, wo Tausende Schüler unterrichtet wurden. David Jones und seine Mitarbeiter, David Griffiths und David Johns, führten eine Druckerpresse ein, was ihnen ermöglichte, Schulbücher und die ersten Teile der Bibel, die sie schon übersetzt hatten, zu drucken. Solange Radama I. an der Macht war, konnten die Missionare viel bewirken. Es entstanden Berufsschulen, das Evangelium wurde verkündigt, der Ahnenkult und die Wahrsagerei verloren ihre Macht, die Sklaverei wurde abgeschafft. Aber die Zeit war kurz, denn am 27. Juni 1828 starb der König Radama, obwohl erst 36 Jahre alt. Seine Witwe, Ranavalona I, ergriff die Macht, indem sie alle anderen Familienmitglieder umbringen ließ. Die Missionare arbeiteten fleißig, um 1830 das Neue Testament herausbringen zu können. Auch ein Liederbuch konnte gedruckt werden, denn die Madagassen singen sehr gerne. Ein Jahr später erst kamen die ersten Einheimischen zum Glauben und ließen sich taufen. Die Gemeinde Jesu in Madagaskar war entstanden. Die Missionare schafften es gerade noch, auch das Alte Testament fertig zu stellen, bevor sie aus dem Land gewiesen wurden. Die Königin führte den Ahnenkult und die Diktatur des Aberglaubens sowie die Sklaverei wieder ein. Sie ließ die Schulen schließen und ab 1835 leitete sie eine heftige Verfolgung der Christen ein.

Im Angesicht von Verfolgung und Tod sind Madagassen nicht mutiger als Europäer. Aber zur großen Verwunderung aller gingen diese ersten Märtyrer Madagaskars ohne Angst in den Tod. Das war ein Aspekt des Sieges des Evangeliums. Der andere Punkt war folgender: Als die Verfolgung anfing, gab es ungefähr 200 getaufte Christen und einige hundert Gläubige an Jesus Christus. Im Ganzen konnten es nicht mehr als tausend sein und die meisten waren erst seit kurzer Zeit im Glauben. Während der 26 Jahre dauernden Verfolgung versklavte die Königin einige tausend Christen. Mehr als 200 ließ sie auf der Stelle mit dem Schwert umbringen, verbrennen oder vergiften. Viele wurden eingekerkert oder ins Exil geschickt. Viele starben an den Entbehrungen, denen sie ausgesetzt wurden. Aber nicht nur blieben sie ihrem Glauben treu, sondern viele kamen dazu. Als 1861 die Missionare zurückkamen, schätzten sie die Zahl der Gläubigen auf der Insel auf 7000. Dies war eine Demonstration der Macht Christi und seines Evangeliums. Die Christen Madagaskars hatten die Bibel in ihrer Sprache, und durch dieses Wort kam ihnen Christus nahe und machte sie stark in der Prüfung.

Heute sind ca. 20 % der Bevölkerung evangelisch. Der neue Präsident, Marc Ravalomanana, ist auch gleichzeitig Vize Präsident der FJKM Kirche (Fiangonana Jesosy Kristy eto Madagasikara), der Evangelischen Kirche. Die Christen der FJKM gingen am Ostermorgen um 3 Uhr früh durch die Straßen und sangen laut von der Auferstehung Jesu. Wir haben auch die CEIM (Communauté Evangélique Indépendante de Madagascar), die unseren Brüdergemeinden entsprechen, besucht. Seit 1990 sind sie sehr evangelistisch aktiv und haben inzwischen ca. 40 Gemeinden gegründet. Was uns überall auffällt, ist die große Anzahl Jugendlicher und Kinder. Noch liegt die Lebenserwartung bei 50 Jahren. Aber Kinder gibt es viele, in die wir investieren können und sollen. Es ist eine lohnende Aufgabe ihnen zu helfen, ihr Leben gut zu meistern.

Der Präsident steht vor der Herausforderung, ein Land zu führen, dessen Wirtschaft am Boden liegt, niedergedrückt wird durch Inflation und Korruption, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus, ein Land, dessen Straßen noch aus der Zeit der Kolonialzeit stammen und dessen Wälder immer noch abgeholzt werden zur Gewinnung von Holzkohle, die gebraucht wird zur Zubereitung der täglichen Reismahlzeiten. Auch gilt es, gegen den Sex-Tourismus zu kämpfen. In einer französischsprachigen Zeitung in Madagaskar las ich, dass man für eine Jungfrau 2 Millionen Francs malgaches bezahlt, umgerechnet ca.160 €. Es herrscht der empörende Aberglaube, dass man durch Sex mit einer Jungfrau vom Aids Virus geheilt würde. 

Vieles scheint hoffnungslos, sehr schwierig, zukunftslos. Die Madagassen scheinen gefangen zu sein in Armut, Aberglauben, Gleichgültigkeit und Unwissenheit. Sollen wir nicht, die wir schon lange das helle Licht des Evangeliums haben, mindestens einigen helfen, indem wir Kindern eine Heimat und Jugendlichen eine Ausbildung und Hoffnung durch Jesus Christus vermitteln?

Catherine Seibel


Hier sehen wir die aufmerksamen und eifrigen Schülerinnen beim Nähunterricht.


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