Unterwegs im Süden Indiens

(25. Jan. bis 15 Febr. 2010)

Saraswathy fühlte sich von Kindheit an sehr zu ihren Hindugöttern hingezogen. Ihr eigener Name ist der einer Hindu-Göttin. Wohlhabend aufgewachsen war sie besonders geliebt von ihrem Vater. Ihre Mutter war nämlich bei der Geburt gestorben. Sie war sehr fromm und als eine eifrige Verehrerin der Hindugötter praktizierte sie fast täglich Puja, die indische Bezeichnung für Anbetung von Gottheiten, eigentlich Götzen. Vor allem zu Shiva fühlte sie sich hingezogen.

Ihr besonderer Wunsch war, dass sich Gott in irgendeiner Weise zu erkennen gab bzw. sie Gewissheit bekäme, dass ihre vielen Gebete gehört werden. Gott erkannte sie jenseits allen Zweifels an der Größe und Schönheit der Schöpfung. Sie sehnte sich danach, dass Gott auch an ihr Interesse habe und ihr antworten würde. Und sei es nur ein Wort von ihm zur Bestätigung. Aber nichts geschah, es blieb alles still. So war sie sehr enttäuscht. Schließlich wollte sie es noch einmal versuchen. Würde es dann immer noch keine Antwort oder ein Echo geben, wollte sie ihr Leben beenden. Sie verbrachte an dem von ihr gewählten letzten Tag die ganze Nacht im Puja-Raum. Keine Antwort kam. So beschloss sie, in der kommenden Nacht in den Brunnen auf ihrem Grundstück zu springen, um zu sterben.

Als nun alles schlief, ging sie zum Brunnen, ihr Herz erfüllt mit Fragen und Ängsten, denn auch im Hinduismus gilt Selbstmord als Sünde. Sie war unmittelbar davor zu springen, als ihr eine Episode aus einem ihrer heiligen Bücher, Gajendra Mokshyam, einfiel. Darin wird berichtet, wie in größter Not ein zwar namenloser Gott, der jedoch als Schöpfer und Verursacher dieses Universums geschildert wird, angerufen wurde. Auf einmal wurde es Saraswathy ganz klar, zu diesem Gott, der sie geschaffen hat, muss sie beten. Nun kam der Hilferuf zu dem Schöpfer Himmels und der Erde aus tiefster Verzweiflung und Not. Sofort danach vernahm sie deutlich eine Stimme, so als würde jemand neben ihr sprechen, die zu ihr in Telugu sagte: "Jesus Christ ist dein Retter. Er wird dich von deinen Sünden erretten. Glaube an ihn“. Völlig überzeugt von Jesus Christus, lieferte sie ihm ihr Leben sogleich bedingungslos aus.

Sofort war die Schwere ihres Herzens, die sie selbstmordreif gemacht hatte, von ihr gewichen und ein tiefer Friede erfüllte sie, begleitet von großer Freude. Sie lief in das Haus zurück und holte sich ein Neues Testament, dass damals unter britischer Herrschaft fast jeder Schüler bekommen hatte. Sie öffnete es und ihre Augen fielen auf Matth. 11,28. Dies bestätigte ihre Entscheidung. Danach weckte sie ihren Vater und erzählte ihm von ihrem „Darshan“, wie ihr Jesus Christus begegnet sei. Im Hinduismus nennt man so eine Begegnung mit dem Göttlichen Darshan. Ihr Vater war ebenso überrascht wie empört und reagierte wütend. Er meinte, nun sei seine Tochter von einem christlichen Teufel besessen worden. Ihr älterer Bruder und ihr Vater schlugen sie und schleppten sie später zwecks Exorzismus zu etlichen Hindutempeln. Es wurde sogar versucht, sie zu töten und ihr Rücken trug von den heftigen Schlägen etliche Narben davon.

Diese Geschichte der Bekehrung seiner Mutter erzählte uns Gali Barnabas, der hier mit seinem Sohn David abgebildet ist. Seine Augen waren feucht. Er ist in Hebron, dem Zentrum der Bakht Singh Gemeinden in Hyderabad, aufgewachsen. Ich  war zu Vorträgen und zur Schulung in diese Kreise nach Hyderabad eingeladen worden.

Das war schon bewegend zu vernehmen, wie der Herr in seiner Retterliebe (Hes. 33,11) dieses Menschenkind vor dem Verderben bewahrt hat. Nun ist ja bekannt, dass ich gewisse übernatürliche Manifestationen eher skeptisch betrachte. Doch dass Gott in besonderer Weise Menschen nachgeht, die ihn von ganzem Herzen suchen und noch nichts von ihm gehört haben, ist für mich keine Frage. Auch weiß ich von etlichen Berichten, wie Gott Menschen auf ungewöhnliche Weise vor dem Selbstmord bewahrt hat. Auch dies ist für mich kein Problem, sondern vielmehr Grund zur Anbetung und Dankbarkeit für Gottes große Barmherzigkeit.

Eigentlich müsste man in Indien seine Theologie ändern. Der Straßenverkehr ist ein organisiertes Chaos, dicht an dicht fahren die Autorikschas, Skooters, Wagen, Motorräder, Fuhrwerke usw., dazwischen schlängeln sich die Radfahrer und auch Fußgänger. Alles sieht nach bevorstehender Kollision aus, doch man huscht  - manchmal nur millimeterknapp - an einander vorbei und man kommt tatsächlich unfallfrei am Ziel an. Für europäisches Fahrgefühl Wunder über Wunder.

In Bangalore traf Florian am 30 Januar von Wien über Frankfurt kommend pünktlich am Flughafen ein. Ich hatte beschlossen, bei dieser Reise einen Begleiter mitzunehmen. Wegen Prüfungen im Rahmen seines Studiums in Wien, trat er diese große Reise erst einige Tage später an.

Noch nie war er vorher außerhalb Europas, geschweige denn in Indien, gewesen. Für ihn war diese Fahrweise eher ein Kulturschock, so könnte man es fast nennen. Dieses organisierte Chaos auf Indiens Straßen ist für Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig.

Er hatte auch beschlossen, über seine Erlebnisse auf diesem Subkontinent Tagebuch zu führen und darüber einen Bericht zu verfassen. Da dies für ihn völlig neue Eindrücke sind, die deswegen auch gleich viel intensiver wahrgenommen und gespeichert werden, werde ich mich diesmal kürzer fassen und dann Florian den Bericht der weiteren Reiseeindrücke überlassen.

Deshalb hier nur ein kurzer Überblick über die erste Woche, in der ich noch alleine war und diese Tage in Bangalore verbrachte. Da war zunächst die Freude des Wiedersehens mit Ron und Lilo Penny, bei denen ich wiederum untergebracht war. Beide waren mit OM vor Jahrzehnten nach Indien gekommen und arbeiten nun eigenständig im Weinberg des Herrn in diesem zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde.

Immer noch gibt es Leute, die von der großen Erweckung in Europa sprechen, die entweder schon gekommen sei oder noch kommen solle. Vielleicht ist es deswegen erwähnenswert, dass Ron Penny meinte: "Würde ich in England leben, wäre ich vielleicht jetzt schon im Gefängnis, weil dieses Land so antichristlich geworden ist. Ich würde gegen dieses zunehmende Unrecht aufbegehren (speak up against this evil)." Christen, die längere Zeit in Drittweltländern verbringen, nehmen diese Veränderungen oft recht deutlich wahr, erleben eine Art Kontrastprogramm.

Lilo hatte für mich einen Besuch zwecks Andacht bei IEM (Indian Evangelical Mission) organisiert. Das Wiedersehen mit diesen Geschwistern, die Gott wirklich hingegeben in diesem riesigen Land dienen wollen, war eine besondere Freude.

Die Andacht war dank vieler Gebete so gesegnet, dass sich spontan Herzens- und andere Türen auftaten. Man fuhr mich kurz entschlossen nach OTI, also dem Schulungszentrum der IEM, um dort die zukünftigen Missionare zu unterrichten. Das wurde eher spontan organisiert.

Viele der Mitarbeiter von IEM standen noch unter dem Eindruck des Todes des Gründers dieser gesegneten Missionsbewegung innerhalb Indiens. Theodore Williams war am 29. Dez. 2009 an Nierenversagen gestorben. Er hatte einen großen Einfluss- und Bekanntenkreis und dementsprechend umfangreich wie bewegend war der Nachruf.

Mit diesen Geschwistern geistlich und theologisch eng verbunden zu sein, war mir ein besonderes Geschenk und durch das erneute Treffen wurden diese Bande neu gestärkt. Hier abgebildet (sitzend) ist der jetzige Generalsekretär der IEM, Rev. Wesley John mit seinem Mitarbeiter Swami Solomon Doss.

Mich bewegte auch die geistliche Situation und öfters fragte ich, ob bei diesen großen Erfolgszahlen, die man bei einigen Berichten über Gemeindegründungen vernimmt, nun die Anzahl der Christen in Indien gewachsen sei. Dazu gab es verschiedene Meinungen.

Ein Bruder, Jayashekar, der ca. 12 Bibelschulen, die „Good News Bible Colleges“ in 10 indischen Bundesstaaten leitet, sprach sogar davon, wie das Christentum teilweise geistlich verflacht sei. Es hänge mit falschen Versprechungen mancher Verkündiger zusammen. Solche "Evangelisten" bieten gewöhnlich Heilungen an. In einem Land mit schlechter medizinischer Grundversorgung möchte natürlich jeder gerne möglichst kostenlos und schnell gesund werden. Mir diesem "Lockangebot" wird dann noch ein Übergabegebet kombiniert und die Anzahl der Inder, die dann nach vorne geströmt sind, werden als neue Bekehrungen angegeben. Allerdings tauchen solche "Bekehrten" in praktisch keiner Gemeinde mehr auf. Es gäbe deswegen bereits jede Menge oberflächlich oder nur scheinbar bekehrte Inder. Insgesamt werde durch solche Aktionen der großen "Erweckungen" das Christentum eher geschwächt als gestärkt. Gerade mit den Heilungsversprechungen kann man hier die Scharen anlocken. Und dementsprechend gibt es auch jede Menge "Erfolgsberichte" von Heilungen, Bekehrungen usw., die man allerdings mit größter Vorsicht "genießen" sollte.

Andere seriöse Stimmen meinten allerdings, die Zahl der Christen wäre derzeit tatsächlich von offiziell 3%, wie es gewöhnlich heißt, auf inoffiziell 5% gewachsen.

Manches, was mir Insider erzählten, war erfreulich, manches eher niederschmetternd; wenn nämlich darüber berichtet wurde, welchen ungeistlichen Wandel etliche dieser Evangelisten an den Tag legten und Spendengelder für ihren eigenen Luxus missbrauchten. Der Leiter des größten christlichen Fernsehsenders von Andrah Pradesh meinte sogar, die Leute mit der falschen Theologie haben das meiste Geld. Bei einigen Leitern von Missionswerken ergibt sich die Frage, ob sie überhaupt wirklich bekehrt sind. Dies klagte mir jedenfalls ein Bruder, den ich schon seit meiner zweiten Indienreise, 1987, kenne.

Besonders traurig stimmt, wie derzeit in Indien durch Leute wie Joyce Meyer, Creflo Dollar -sein Name ist auch sein Programm-, Benny Hinn und viele andere sich rapide das Wohlstandsevangelium ausbreitet. Ein "Evangelium", von dem man kürzlich in idea lesen konnte, es sei als "unvereinbar mit dem biblischen Glauben zurückzuweisen" (ideaSpektrum 1/2010). Weiter heißt es in dieser Meldung von dieser Überzeugung des materiellen und gesundheitlichen Segens: "Sie ist besonders in der weltweiten Pfingstbewegung verbreitet und findet vor allem in Afrika Anklang." Leider, so muss man hinzufügen, und dies hängt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung dieses Subkontinents zusammen, auch in einigen Teilen Indiens.

Auch das Thema Verfolgung war und ist aktuell und gerade letzte Woche war sogar in Andhra Pradesh ein Pastor von der RSS verprügelt worden. Rashhtriya Swayamsevak Sangh (RSS) ist eine militante Hindupartei, die besonders das Christentum bekämpft. Andra Pradesh ist dabei ein Bundesstaat, wo Christen relativ wenig zu fürchten haben.

Last but not least: Die Bewahrung und Führung des Herrn während dieser Reise waren manchmal besonders deutlich. Bei dieser Gelegenheit möchte ich von Herzen allen Betern danken, die treu in der Fürbitte an diese Reise gedacht haben. Dass wir völlig unbeschadet und ohne den leisesten Anflug einer Krankheit oder Unpässlichkeit wieder im kalten Deutschland nach dem warmen Empfang in Indien eintreffen durften und letztlich alles praktisch problemlos verlief, ist durchaus nicht selbstverständlich. Wenn ich auch an die vielen Türen denke, die sich durch Gottes Gnade aufgetan haben und wie sehr auch der Herr sein Wort an den Herzen vieler Zuhörer gesegnet hat, dann ist dies ebenfalls ein besonderer Grund, darin die Treue Gottes durch die Gebete vieler zu erkennen.
Auch haben überraschend viele für diesen Indienbesuch gespendet. Manchen Spender oder Spenderin vermochte ich nicht einmal zu identifizieren. Nun sei auf diesem Wege hier mein herzlichster Dank zum Ausdruck gebracht. Jedenfalls versuchte ich das Geld, zum Teil gegeben zur Aufbauhilfe für Flutopfer im Bundesstatt Karnataka, treuen Händen anzuvertrauen. Auch gab ich Spenden für verfolgte Christen weiter, deren Hab und Gut im Bundesstaat Orissa zerstört worden war.

Nun möchte ich den "Stab" an meinen Begleiter Florian weitergeben, der seinen Bericht in den kommenden Tagen abfassen wird.

Alexander Seibel


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