Eindrücke einer Brasilienreise 1995

Der Mann kniete vor seinem ehemaligen Arbeitskollegen, dem er das Leben früher so schwer wie nur irgend möglich gemacht hatte, eigentlich zu zerstören trachtete. André H. wollte um jeden Preis sein Leben nicht nur vor Gott, sondern auch vor Menschen in Ordnung bringen. Jahrelang hatte er mit der Droge gelebt. Wegen dieser Drogenkarriere brach er sein Jurastudium ab, nutzte er hemmungslos andere aus, was ihm wegen seiner großen Begabung erstaunlich lange gelang. Der Polizeichef meinte: "Er ist der schlauste Kopf von Pomerode". Mit diesen Talenten ausgestattet, machte er auf der Präfektur dem Stadtrat das Leben buchstäblich zur Hölle. Doch alle Begabung half nichts, das Kokain war dabei, seine zerstörerische Wirkung zu entfalten. Auch seine Ehe war begreiflicherweise zerrüttet.

Aus frommem Elternhaus stammend, wußte er alles vom Glauben, doch interessierte er sich besonders für Nietzsche, den damit verbundenen Zarathustra-Glauben, las Hemingway u.a. Der Vater war ihm zu fromm, dem Evangelium verschloß er sich und es begann im Zuge der geistlichen Abwärtsentwicklung die oben erwähnte Drogenkarriere. Schließlich schien alles ausweglos und er nahm nach ca. 4 Jahren eine Überdosis, um sein Leben zu beenden. Dank der Kunst der Ärzte wurde sein Leben gerettet. Auf der besonderen Station im Krankenhaus tobte er danach herum.

Man gab ihm eine letzte Chance. Man bot ihm an, ihn in das Reha-Zentrum Cerene aufzunehmen, das von der Gnaudauer Brasilien-Mission bzw. dem brasilianischen Ableger MEUC (Missao Evangélica Uniao Crista) nach Richtlinien des Blauen Kreuzes geführt wird. Bei dem Aufnahmegespräch brachte er seine Bücher mit, die er dort weiterlesen wollte. Er fragte den Seelsorgeleiter, ob er diese Bücher kenne. Er kenne zwar diese Namen, aber nicht die Inhalte. "Diese Bücher haben dir bis jetzt nicht geholfen. Ich gebe dir ein anderes Buch, das mein verpfuschtes Leben geordnet hat. Die Bibel, und dieses Buch kann auch dein Leben retten." "Dies sagte mein Vater auch immer, aber ich hab's nicht angenommen. Aber ich will den Rat akzeptieren," entgegnete André.

Er begann die Bibel zu lesen und bekehrte sich nach drei Tagen. Ursprünglich wollte er nur sieben Tage bleiben, doch daraus wurden sieben Monate. Danach nahm er das Studium wieder auf. In diesen sieben Monaten brachte er konsequent alles in Ordnung, was seine Vergangenheit belastete. So bezahlte er jahrelang ab, was er sich widerrechtlich an Geld angeeignet hatte, um seine Drogensucht finanzieren zu können. Als er sich bei dem oben erwähnten Stadtrat entschuldigen wollte, nahm dieser dies nicht an. Er wollte mit so einem Menschen nichts mehr zu tun haben. "Du mußt mir noch einmal eine Chance geben", flehte André. Auf den Knien, wie eingangs geschildert, bat er um Vergebung. Drei Jahre lang kämpfte er darum, zu seiner Familie, seiner Frau und dem Sohn, zurückkehren zu können. Seine Frau wollte einen normalen und nicht einen frommen Mann. Auch dies hat der treue Her geschenkt, daß die Familie nun wieder vereint sein darf.

Diese bewegende Geschichte von der großen Gnade Gottes, die mehr als eindrücklich die Macht des auferstandenen Erlösers zeigt, Wunder zu wirken, dort einzugreifen, wo es menschlich gesehen keine Hoffnung mehr gibt, erzählte mir der Missionar Hans Fischer. Ich hatte ihn in Pomerode, im Bundesstaate Santa Catarina, besucht und saß ihm am 12. Februar am Schreibtisch gegenüber. Während wir sprachen, kam ein Anruf. Es war dieser besagte André H., der an genau jenem Tag sein Diplom für das abgeschlossene Jurastudium erhielt. Er fragte nach dem Bibeltext, über den er die kommende Bibelstunde halten sollte. Aus diesem gegeben Anlaß begann mir Hans Fischer diese ergreifende Geschichte zu erzählen, ein Hohelied von der Retterliebe unseres Herrn. Es braucht nicht groß betont zu werden, daß dieser veränderte Lebenswandel mehr redet als viele Worte oder Berichte angeblicher Wunderheilungen.

Dies vernahm ich nun mehrmals, wie der treue Herr Jesus Gebete erhörte und Menschen aus schlimmsten Bindungen heraus befreite, auch wie spiritistische Medien sich bekehrten. Dies soll auf keinen Fall verschwiegen werden, wie es in dieser Hinsicht unter dem treuen Dienst der einzelnen Missionare und Geschwister Aufbrüche gibt und sich 2. Kor 5,17 manchmal mehr als eindrücklich erfüllt. Ich habe dies auch bewußt vorangestellt, denn Brasilien ist, wie ein Kind Gottes meinte, ein reiches Land. Reich an absonderlichen Phänomenen und Geschichten. Denn als Hochburg des Spiritismus hat dieses Land Dinge aufzuwarten, bei denen einem Durchschnittseuropäer doch manchmal der Atem stockt. Zwar erlebt die EU gegenwärtig eine okkulte Welle und auch wir haben uns allmählich an abstruse Dinge gewöhnt, doch dieses riesige wie schöne Land ist anscheinend doch ein Vorreiter Richtung Okkultismus.

Reinhold Federolf ist Missionar beim Missionswerk Mitternachtsruf. Gleich zu Beginn meiner Reise am 1. Febr. besuchte ich ihn in Porto Alegre, der südlichsten Hauptstadt Brasiliens. Er erzählte, wie er in Santos, der Hafenstadt von Sao Paulo, am Strand "Praia Grande" ein großes Treffen der Umbandisten gewisse Zeit beobachtete. Der Umbanda-Spiritismus ist ebenso verbreitet wie einflußreich. Es wurde die ganze Nacht getrommelt. Die Leute fielen in Trance, krabbelten wie Kinder am Boden und hatten dabei Spielzeug in den Händen und Schnuller im Mund. Es wurde der "Espirito de crianca" (der Geist des Kindes) angerufen. Diese Geister stiegen dann herab, worauf die Teilnehmer zu Boden fielen, wie Tiere schrien und am Boden rollten. Bewegungen wie bei Kindern gehörten ebenso dazu wie stundenlanges Tanzen. Was Wunder, daß sich bei mir Assoziationen aufdrängten, daß uns Ähnliches heute als besonderer Segen angeboten wird.

Ein anderer Missionar berichtete mir, wie heute in normalen Buchläden 4O% der verkauften Bücher zur Esoterik gehören. Vor 15 Jahren, so meinte er, habe es so gut wie keine okkulten Bücher gegeben, außer es handelte sich um okkulte oder spiritistische Verlage.

Brasiliens größte Fernsehgesellschaft ist die "Rede Globo". Geschwister im Bundesstaat Santa Catarina bestätigten mir mehrfach, wie sämtliche Schauspieler dieses TV-Imperiums Spiritisten sein müssen. Sehr beliebt sind gegenwärtig die "Novelas". Es handelt sich hier um TV-Familiengeschichten mit vielen Fortsetzungen, in denen erotische Szenen ebenso selbstverständlich sind wie die Botschaft des Spiritismus. Brasilien ist ein Anschauungsbeispiel dafür, klagte jemand anderer, wie das Fernsehen die Moral des Volkes in den letzten 1O Jahren untergraben hat. Zwar ging es in diesem Land immer etwas lockerer zu, doch TV und Video, wobei letzteres durch das jüngste wirtschaftliche Aufblühen erst vor wenigen Jahren große Verbreitung fand, haben einen dramatischen Abwärtstrend eingeleitet. Parallel dazu geht es als Folge der neuen Unmoral mit Aids aufwärts. Eine Schwester meinte sogar, kein Programm im Fernsehen sei frei von Okkultismus.

In dem von deutschen Einwanderern gegründeten Ort Blumenau gibt es ein neues Einkaufszentrum namens "Shopping Neumarkt". Es unterscheidet sich in Eleganz und moderner Ausstattung so gut wie gar nicht von entsprechenden Einrichtungen in der Bundesrepublik. In einer großen und schönen Halle des Gebäudes, wo moderne Geschäfte untergebracht sind, standen sieben Zelte, besetzt mit Wahrsagerinnen und Medien. Über Bachblüten, Tarot, Wahrsagerei, Handlinienlesen und Horoskope wurde so ziemlich alles angeboten, was Gott ein Greuel ist. Die Leute standen teilweise Schlange, um Lebenshilfe und Weisungen für die Zukunft aus diesen Quellen zu empfangen. Auch ein Hexenladen war in dieser Halle. Soweit ist man in Deutschland, daß mitten im Einkaufszentrum Wahrsager und Zigeuner den Kunden die Zukunft deuten, noch nicht, hoffe ich jedenfalls. Hat womöglich auch hier Brasilien, ähnlich wie beim Fernsehen, nur Vorreiterfunktion?

Die Frau eines Missionars machte mich darauf aufmerksam, wie die Livraria Alema (Deutsche Buchhandlung) voll esoterischer Literatur ist. Als große Renner haben sich die Werke von Paulo Coelho erwiesen, der Spiritist und Freimaurer ist. Dieser Bestsellerautor ist eine Art Medium und verfaßt vor allem Bücher für Menschen, die erfolgreich sein wollen. Gleichzeitig hält er Management-Seminare ab und bildet Manager und Berater aus.

Der gestürzte Präsident Fernando Collor soll im Keller seines Hauses schwarze Magie getrieben haben. So wurden Ziegen geschlachtet, Puppen mit Nadeln durchstochen, um seine Gegner, die immer zahlreicher wurden, zu überwinden. Auch hatte er seine Wahrsagerin. Solch ein berühmtes Medium der Wahrsagerei ist hier unter dem Namen Adelaide bekannt, die auch von den Gouverneuren der drei Südstaaten Brasiliens (Parana, Santa Catarina und Rio Grande do Sul), konsultiert wurde. Sie soll auch über das Wetter bestimmen können. Einer dieser Gouverneure, ein praktizierender Spiritist, erklärte bei einer christlichen Veranstaltung, wie er Brücken schlagen möchte zwischen Christus, Xango, dem Geisterfürsten der Spiritisten und Yemanja, der Meeresgöttin, hier oft auch mit der katholischen Maria gleichgestellt. Er möchte ein mentales Dreieck herstellen. Synkretismus also in ungeschminktester Form.

Ein gläubige Lehrerin erzählte, wie der Leiter ihrer Schule Spiritist ist. Seit drei Jahren werden nun die Kinder an dieser Grund- und Realschule in den Spiritismus eingeführt und lernen, mit den Geistern Verbindung aufzunehmen. Bei uns wird Ähnliches unter dem Namen New-Age propagiert. Als Ergebnis entwickelten die Schüler hypnotische und telepathische Fähigkeiten. In einem konkreten Fall baten die Schüler mittels eines Pendels, die Geister mögen doch den Mathematikunterricht verhindern. So kam es auch. Als die Lehrerin das Klassenzimmer betrat und sich hinsetzte, blieb sie beklommen, trancegleich sitzen. Sie verharrte in diesem Zustand bis zum Pausenzeichen. Als es klingelte, erwachte sie wie aus einer Hypnose. Verlegen erhob sie sich. Sie wußte selbst nicht, was mit ihr los gewesen ist.

Solche und ähnliche Berichte könnte man bald endlos weiterführen. Dementsprechend sind die Auswirkungen auf das Umfeld. Ein siebenjähriger Junge hatte als Folge dieser okkulten Experimente Angstträume. Untertags erschien ihm als leuchtender Anblick Maria. Angstzustände und Gedanken, die er nicht haben wollte, überkamen ihn. Danach betete man mit ihm ernstlich und auch er rief um Hilfe zu dem Heiland und wurde tatsächlich frei. Bei all den traurigen Entwicklungen ist es tröstlich zu wissen, daß es einen Retter und Befreier aus all diesen Verstrickungen gibt.

Werner Kohlscheen, Leiter der MEUC, erzählte mir, wie Gott die Türen für die Schulen aufgetan hatte. Blumenau erlebte 1983 ein schlimmes Hochwasser und 1984 stieg, allerdings nicht so lange, das Wasser noch höher. Darauf erging ein Hilferuf nach Deutschland, der solch ein Spendenecho auslöste, daß auch den Schulen und dem Hospital geholfen werden konnte. Die verantwortliche Schulleiterin lud darauf als Dankeserweis die Mission ein. Danach, auf ihre eigene Initiative hin, wandte sie sich an die MEUC und fragte nach Leuten, die Religionsunterricht halten könnten und, so lautete ihre Bedingung, selber glauben, was sie Lehren. Daraufhin stellte die Mission Lehrer zur Verfügung, die im Laufe der Zeit mit so viel Okkultismus konfrontiert wurden, daß man beschloß, die eigenen Seminaristen in diesem Bereich besonders auszubilden, damit sie nicht hilflos diesen Phänomenen gegenüberstehen.

Solch eine massive Geisterinvasion hat natürlich auch Auswirkungen auf die Gemeinde und die Christenheit. Die Fragen in den Briefen von christlicher Seite entsprechen der jeweiligen modischen Welle. Die Sekretärin In der Korrespondenzabteilung eines Missionswerkes berichtete mir, wie einmal wegen des Fallens auf den Rücken, dann wegen der Goldzähne vermehrt angefragt wurde. Diese Wunderberichte von plötzlich auftauchenden Goldzähnen, für einige ein Zeichen Gottes, hatten in dem Staate Santa Catarina ihren Anfang genommen, so daß sich die MEUC in ihrem Blatt "Weg und Zeugnis" auch damit auseinandersetzte und auf die okkulten Verflechtungen hinwies. Erst gab es die Gold-, danach die Elfenbein- und zuletzt die Silberzähne. Derzeit ist das Geisteslachen der neue Modetrend.

Auch war ich überrascht, wie fast selbstverständlich die dortigen Geschwister die Parallelen zwischen Spiritismus und Pfingstbewegung beim Namen nannten. Bei uns wird so ein Vergleich immer noch als eher extrem betrachtet.

Eine Frau, die ein spiritistisches Medium war, kam durch eine treue Christin zum Glauben. Sie ging nun zur Gemeinschaft, doch man fragte sich, ob dies die richtige geistliche Heimat für sie sei. Es gab noch viel deutsche Prägung, während es sich hier um eine Brasilianerin handelte. So schlugen ihre geistlichen Betreuer vor, sie solle die gemäßigte Pfingstgemeinde (Assembleia de Deus) besuchen. Sie ging mehrmals hin und erklärte: "Wenn ich das wieder haben will, kann ich zurückkehren in den Spiritismus".

In einem anderen Ort berichteten mir die Geschwister, wie sich zwei Leute aus dem Spiritismus heraus bekehrt hatten. Sie gingen zur Pfingstkirche "Assembleia de Deus". Sie hatten das Empfinden, daß besonders beim (Zungen)-Gebet, wenn zum Lobpreis angestimmt wurde oder einige der Anwesenden im Geist ruhten, sich ein Geist bemerkbar machte, den sie vom Spiritismus her kannten. Das Erstaunliche für mich war, daß man mir solche Fälle praktisch unaufgefordert erzählte. Ich habe mir bei all diesen Beispielen die Namen der Personen geben lassen, damit es nicht den Anschein hat, es handle sich hier um nicht verifizierbare Gerüchte oder Sensationsgeschichten. In einem Land wie Brasilien jedoch wird man auf diese Parallelen fast gestoßen, sind sie fast nicht mehr zu übersehen.

Als weitere Folge dieser Geisterinvasion ist die charismatische Woge in ihren vielen Spielarten unerhört am Zunehmen und fast überall gibt es Spaltungen. Bei der Presbyterianischen Kirche ebenso wie bei den Baptisten und Mennoniten. Ich wurde mehrmals von den Missionaren gebeten (ich hatte besonders in der Woche vom 5. bis 12. Februar täglich Vorträge im Rahmen der Gnadauer Brasilien-Mission, MEUC), über die trennende und verführerische Wirkung dieser Strömungen zu sprechen. Vor allem die Jugend tendiere zu dieser neuen Form der Frömmigkeit, die Musik und Lobpreis immer mehr in den Mittelpunkt rückt.

Besonders eindrücklich war eine Dokumentation der beiden großen brasilianischen Fernsehanstalten, Globo und Manchete, zu dem Thema "Fremde Glaubenswege". Ein Gemeinschaftsleiter hatte diese Aufzeichnung mitgeschnitten und mir auf Videoband abends nach der Stunde vorgeführt. Bei dieser Dokumentation ging es in erster Linie um die in verwirrender Fülle sich ausbreitenden Strömungen der verschiedensten Pfingstkirchen. So wurde erklärt, wie die Spaltungen unter den Pfingstlern unzählige (wörtliches Zitat) Gruppierungen hervorgebracht haben. Es ist unmöglich, so wurde weiter erklärt, diese Zahl der Pfingstgruppierungen zu kennen. Die größte und schnellstwachsende wie einflußreichste Bewegung ist die Igreja Universal de Reino de Deus (Die universelle Kirche vom Reich Gottes). Ihr Gründer und Führer ist Bispo Edir Macedo. Er verfügt über 85O Kirchengebäude und behauptet, 7 Millionen Anhänger zu haben. In Sao Paulo hat er für 45 Millionen Dollar (für brasilianische Verhältnisse eine ungeheure Summe) eine Fernsehstation gekauft. Diese Geldfülle ist dem Staat allmählich suspekt und derzeit laufen mehrere Untersuchungen bzw. Prozesse wegen Steuerhinterziehung und Erpressung.

Die Methoden, zu Geld zu kommen und den ahnungslosen Gläubigen die Reais (die neue Landeswährung) aus der Tasche zu ziehen, sind ebenso vielfältig wie bizarr. Ein Prediger dieser Kirche pries ein göttliches Haarwaschmittel für gesalbte Haare an. "Staub der Liebe" heißt ein anderes Produkt, das man über die geliebte Person oder gar in ein Haus pusten soll, um eine Atmosphäre der Harmonie und Liebe zu fördern. Ein Blatt vom Baum des Lebens kann man ebenso käuflich erwerben wie besonders geweihtes Salz oder Öl, aber auch Feigenpaste. Ein Missionar wies mich darauf hin, wie man Ähnliches auch im Spiritismus kennt. Er meinte sogar, wie man dies bewußt praktiziere, um die Leute anzuziehen, weil ihnen dies von ihrem Heidentum her vertraut ist.

Richtig schlimm ging es bei den Heilungsfeldzügen bzw. Massenveranstaltungen in den größten Stadien Brasiliens zu, die seine zahllosen Anhänger problemlos füllten. Haufenweise wurden Brillen eingesammelt und zerstört, weil man alles Böse aus den Augen Vertrieben habe und der wahre Glaube solche Behelfe nicht mehr nötig habe. Als die Reporterin Edir Macedo fragte, warum er denn selber immer noch Brillen trage, antwortete er: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen."

Dämonen wurden öffentlich ausgetrieben, Menschen zitterten und zuckten konvulsivisch. An einem Schwarzen wurde vor den Augen via Fernsehen vor ganz Brasilien demonstriert, wie der Teufel in die Knie zu gehen habe. Befreiungen und Heilungen geschahen nur so im Schnellverfahren wie bei einer Fastfoodkette. Die Leute wurden streckenweise bis zur Hysterie aufgepeitscht und die Emotionen durch Gesang und Massenpsychose hochgejagt. Nach der Kollekte wurde das Papiergeld sackweise weggetragen. Der Kommentar eines Arztes, der nur noch den Tod bei einer Frau feststellen konnte, die sich unwohl gefühlt hatte und geheilt werden sollte: "Niedrigste Form des Scharlatanerie". Es erinnerte tatsächlich mehr an ein spiritistisches Festival, denn an eine christliche Veranstaltung. Wie die Missionare auch klagten: Der Synkretismus ist mit Händen zu greifen,

Zwei Wochen nach dem großen "Heilungsfeldzug" wurde diesen Berichten und Erfolgsmeldungen nachgegangen. Die angeblich Geheilten stellten sich nach wie vor als krank bzw. verkrüppelt heraus. Ähnliche Resultate kennt man ja auch von Bonnkes großen Feldzügen mit Zeichen und Wundern. Eine Frau berichtete sogar, wie man ihr Geld anbot, um eine Besessene zu mimen, die dann wunderbar "befreit" würde. Wenn sie zustimmte, könnte sie Mitarbeiterin und reich werden. Besonders tragisch war der Fall eines jungen Mannes, der fest glaubte, von Aids geheilt worden zu sein. Er habe dies ganz deutlich gespürt und diese Gewißheit im Glauben angenommen. Als man dann sein Blut testete und das Ergebnis HIV-positiv lautete, weigerte er sich, dies zur Kenntnis zu nehmen.

Ein Prediger der "Deus é Amor" (Gott ist Liebe) Pfingstkirche wurde gefragt, wo denn in der Bibel das Pfingstwunder berichtet werde. Er konnte dies nicht beantworten und bat, man möge ihm abends die gleiche Frage stellen. Natürlich ist dies ein Extremfall, doch es zeigt die Tendenz. Der Pastor in solchen Kirchen bzw. Gemeinden muß nicht unbedingt in der Bibel Bescheid wissen, jedoch darin geübt sein, wie man die Leute emotional begeistert, mit vielen Versprechungen, vor allem Segnungsverheißungen, bei der Stange hält und unermüdlich zum Spenden motiviert. Hierin sind sie auch große Könner und dementsprechend wohlhabend. Lehre und Wort Gottes treten dabei immer mehr in den Hintergrund zugunsten von Lobpreisstunden, musikalischer Beschallung und Heilungsankündigungen, wo über Bilder und Eingebungen die Erwartungen und Gefühle aufgepeitscht werden. Man könnte meinen, dies treffe für das nüchterne Europa nicht zu und sei mehr ein südamerikanisches Temperamentsproblem, doch gerade die "Toronto-Welle" hat gezeigt, wie die Vernunft zugunsten eines emotionalen Subjektivismus und hysterischen Gelächters dabei ist abzudanken. Wichtig ist das gefühlsmäßige "High" und nicht, was die Bibel lehrt. Zwar konnte man bei den Ablegern dieser Universal Church of Christ in den USA sehen, wie es etwas weniger emotional zuging, doch es war offensichtlich nur ein gradueller und kein prinzipieller Unterschied.

Der Kommentar der Journalistin, die diesen Heilungsberichten nachforschte: "Es ist eine Ironie, daß man die Bibel zu einer Theologie des Betrugs verwendet." Hier hat ein Weltmensch ein verblüffend klares Urteil gefällt und bekanntlich sind die Kinder der Welt klüger als die Kinder des Lichts. Ähnlich äußert sich Paulus im 2. Korintherbrief über die "Superapostel", die er als arglistige Arbeiter und Apostel Satans bezeichnet (11,12-13). Auf dieser Welle des Betrugs bzw. falscher Versprechungen und unrealistischer Erwartungen schwimmen Benny Hinn ebenso, wie die anderen Schlüsselfiguren der "Toronto-Erweckiung", in etwas abgeschwächter Form auch Reinhard Bonnke.

Das Tragische bei dieser Angelegenheit ist, daß in dem überwiegend katholischen Brasilien nun dies alles unter die Rubrik evangelisch fällt, und nur wenige die Voraussetzungen haben, hier zu differenzieren. Während man sich außerhalb von Südamerika auch in evangelikalen Kreisen freudig die Berichte vom großen Wachstum der Pfingstkirchen mitteilt, hat man vor Ort eher den Eindruck eines Dammbruchs des fromm getarnten Spiritismus.

In Brasilien gibt es auch unter den Spiritisten eine Bewegung, die sich ganz stark sozial engagiert, genannt LBV (Legiao da Boa Vontade, die Legion des guten Willens). Sie betreuen 12588 Kinder in Kinderkrippen und Schulen, 2OO OOO Bettler und organisieren 3O,3 Millionen Essenausgaben. Neben Reinkarnation ist ein starker Ökumenismus zu beobachten. Jede Glaubensrichtung ist willkommen und das einzige Dogma das sie vertreten, ist das des "fluidizierten" Wassers. Durch Gebet erhält danach Wasser eine Energie, die Körper und Gedanken reinigt.

Das magische Denken ist in diesem Land ungeheuer weit verbreitet und gerade daran knüpfen viele Charismatiker an und haben dementsprechende Erfolge. Ein Prediger erzählte mir, wie eine Frau Visionen hatte, die zur Kirche Igreja do Evangelho Quadrangular (Foursquare Gospel Church, gegründet von Aimee McPherson, an de-ren Grabe Benny Hinn diese besondere Ausrüstung mit Kraft empfing. Zu dieser Kirche zählt auch Jack Hayford, der beim Lausanner Kongreß in Manila versuchte, die anwesenden Vertreter unter seinen besonderen Geist zu bringen) gehörte. Sie trug bei sich ebenso ein geweihtes Taschentuch wie ein Karte mit dem Bild des Predigers und auf der Rückseite das Gebet, das sie zu sprechen hatte. Durch die Gnade Gottes durfte sie davon ebenso frei werden wie von ihren Gesichten.

Wie schon eingangs erwähnt wurde, gibt es trotz aller Okkultaufbrüche auch die erfreulichen Erweise vom Sieg unseres Herrn. Die bereits erwähnte Reha-Arbeit Cerene (Centro de Recuperangco Nova Esperanga, Rehabilitationszentrum der neuen Hoffnung) ist ein Geschenk Gottes. Es ist erstaunlich, wie viele gestrandete Menschen und Suchtkranke hier wieder neuen Halt gefunden haben und teilweise auch ein Segen werden für andere. Auch berichteten mir Prediger der MEUC, wie sie vor Ort Aufbrüche erleben und viele zum Glauben kommen.

Für mich war die Gemeinschaft mit den Geschwistern und der Austausch mit Missionaren, die ich bei meiner ersten Brasilienreise im Jahre 1989 kennengelernt hatte bzw. neu kennenlernen durfte, ein besonderes Geschenk. Am 18. und 19. Februar hatte ich noch mehrere Dienste, u.a. auch sonntags bei der deutschen und brasilianischen Baptistengemeinde in Porto Alegre. Am nächsten Tag ging es dann zunächst nach Rio und von dort am 21. Februar wieder zurück nach Hause in das kühle Deutschland.

Brasilien ist auch ein Land von streckenweiser so atemberaubender Schönheit mit einer schier unerschöpflichen Flora und Fauna, daß man es nur schwer vergessen kann. Ein paarmal war es möglich durch Wanderungen oder Bootsfahrten, denn in diesem Land ist derzeit Sommer, etwas von diesem Reichtum an Lebensformen zu erahnen. Unvergeßlich wird mir auch eine Wanderung in den majestätischen Dünen von Florianopolis bleiben, eine Insel, an der sich ebenfalls der Reichtum der Schöpfung verschwenderisch entfaltet. Doch sollte ich hier besser Schluß machen, denn wenn man erst einmal damit anfängt, von diesem fünftgrößten Land der Erde begeistert zu werden, reicht ein Buch nicht aus, alle Eindrücke wiederzugeben. Doch möchte ich nicht versäumen, mich bei all denen, die für diese Reise gebetet haben, herzlich zu bedanken.

Alexander Seibel


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