Am Rande des Todesbebens

(Bericht aus „ethos“)

In den Gesichtern stand Angst ebenso wie Ehrfurcht geschrieben. Ergriffenheit und Furcht machten sich breit. Ein Mann neben mir hatte Tränen in den Augen und viele begannen spontan zu beten. In Hilflosigkeit faßte man sich gegenseitig an, um Halt zu suchen bei einem Ereignis, das einem existentiell fast jeden Halt nimmt. Schweine und Hunde rasten quietschend bzw. bellend in panischer Furcht los. Eine lähmende Hilflosigkeit und beginnendes Entsetzen senkte sich auf die wachsende Menschenmenge in den Straßen. Schrecken lag buchstäblich in der Luft. Das Bhuj-Erdbeben, so benannt, weil das Epizentrum nahe bei dieser Stadt war, hatte am Freitag den 26. Januar 2001 um 8.50 Uhr Ortszeit die Millionenstadt Ahmedabad getroffen.

Johnny Desai, der mich schon 1999 bat, doch seinen Schwager Madhu Christian in Gujarat zu besuchen, und ich saßen beim Frühstück, als plötzlich der Boden unter unseren Füßen zu vibrieren begann. Mir war sofort klar, daß dies ein Erdbeben sein mußte. Wie ich später eher zu meiner Überraschung erfuhr, war es auch für die meisten meiner christlichen Freunde dort die erste Erfahrung mit diesem elementaren Naturereignis. „That’s an earthquake“ rief Johnny und sprang auf, um aus dem Haus Richtung Straße ins Freie zu laufen. Ich folgte ihm und nahm mit distanzierter Verwunderung zur Kenntnis, wie immer mehr Menschen auf die Straße eilten und Angst- und Schreckensrufe zu vernehmen waren. Zwei Minuten lang schüttelte die Erde und das einstöckige Haus meines Gastgebers wackelte wie ein Segelschiff bei stärkerem Wind.

Die ganze Zeit empfand ich eher Interesse, um nicht zu sagen Neugierde, als Furcht. Nur als mir bewußt wurde, daß sich Catherine im ersten Stock befand, erfaßte mich Sorge. Laut rief ich, sie solle doch herauskommen, es sei ein Erbeben. Catherine lief die Treppen herunter, die bedenklich schwankten und gesellte sich zu uns ins Freie.

Fast ebenso schlagartig, wie es begonnen hatte, war es dann vorbei. Das Rütteln hörte auf und ich meinte zunächst, das Ganze sei nicht so schlimm. Tatsächlich war in diesem Viertel von Ahmedabad kaum etwas passiert. Nur ein paar Gebäude zeigten Risse. Doch es stellte sich bald heraus, daß mein Eindruck eine völlige Fehleinschätzung war. Bald sollte in den Nachrichten dieses Erdbeben der „Killer Quake“ genannt werden. Immer mehr Schreckensmeldungen trafen ein und die Zahl der Toten wurde ständig nach oben korrigiert. Mit 20 000 Tote, hieß es, sei zu rechnen und auch das sind nur vorläufige Zahlen. In den Nachrichten vom 30. Januar sprach man sogar von Hunderttausend, die unter den Trümmern verschüttet sind. Mindestens drei Städte, nämlich Buhj, Bhachau und Anjar wurden praktisch ausradiert. 6,9 soll die Stärke auf der Richterskala gewesen sein und auch dies wurde später auf 7,9 korrigiert. In Ahmedabad allein, obwohl ca. 450 km vom Epizentrum des Bebens entfernt, gab es ca. 750 Tote. Doch auch hier schwanken die Angaben und es ist schwer, etwas Verläßliches zu erfahren.

Dann herrschte die Angst vor Nachbeben und alle möglichen Gerüchte machten sich breit. Die Polizei fuhr durch die Straßen und warnte vor falscher Panikmache. Tausende übernachteten im Freien, weil besonders im Westteil Ahmedabads etliche Hochhäuser beschädigt worden und ca. 100 Gebäude eingestürzt waren. Dann gab es am Sonntag den 28. um 6,30 Uhr tatsächlich ein Nachbeben der Stärke 5,9. Catherine, die noch im Bett lag, merkte es noch deutlicher, da die metallenen Bettgestelle deutlich zu scheppern anfingen. Ich selber beobachtete nur, wie die Türen eines eingebauten Schranks zu vibrieren begannen und der Ventilator schwankte. Wiederum liefen einige Leute auf die Straße und laute Rufe breiteten sich aus. Doch fast ebenso schnell beruhigte sich das Szenario. Jedenfalls sah ich mich nicht motiviert, das Haus zu verlassen.

In diesem östlichen Teil Ahmdebads, wo sehr viele Christen wohnen, war tatsächlich so wenig passiert, daß sogar etliche Hindus behaupteten: „Ihr Gott hat sie beschützt“. Inzwischen wird von immer mehr Fällen berichtet, wie Gläubige wunderbar bewahrt worden sind. Ich war ziemlich erstaunt, dies aus dem Mund von Madhu Christian zu vernehmen. Er leitet eine gesegnete Radioarbeit, die in neun Sprachen im Bundesstaat Gujarat Gottes Wort ausstrahlt. Madhu war es auch, der mich letztes Jahr gebeten hatte, doch wiederzukommen. Er werde ein Seminar für christliche Studenten organisieren.

Auf einen Professor Enoch geht in Indien die UESI (Union of Evangelical Students of India, gegründet 1954) zurück, die viel Segen bewirkt hat. In diesem Rahmen nun trafen wir uns in Mahemadabad auf dem Grundstück der Missionary-Alliance, ca. 30km von Ahmedabad entfernt. Es waren ca. 60 Studenten gekommen. Ich sollte besonders das Thema „Zeichen der Zeit“ und die damit verbundenen Ereignisse aufgreifen. Nun spricht der Herr Jesus in seiner Wiederkunftsrede gerade auch von Erdbeben (Mt. 24,7) und insofern mangelte es nicht an Aktualität. War ich 1999 wegen der Ermordung des Missionars Graham Staines immer wieder an Mt. 24 Vers 9 erinnert worden, so war es diesmal der siebte Vers von Matthäus 24, der sich uns aufdrängte.

Freitag der 26. Januar, der Tag dieses schweren Erdbebens also, war noch dazu in Indien ein besonderer Feiertag, der sogenannte „Republic Day“. Dieser Tag wird gewöhnlich mit Paraden und großen Feierlichkeiten zelebriert. Das Fernsehen zeigte dementsprechend auch an diesem Tag nach den Meldungen über das Erdbeben Bilder von Truppenparaden, die martialisch aufmarschierten. Modernste Waffen sah man eindrücklich die Prachtstraßen Delhis entlangrollen. Doch schon am nächsten Tag bestand der Hauptteil der Nachrichten aus den Ereignissen um den Killer Quake. Tatsächlich passierte es in einigen Fällen, daß während des Hissens der Fahne oder beim Paradieren Tote zu beklagen waren. Die World News erwähnten noch die Gespräche zwischen Israel und Arafat. Deutschland mit seiner Rinder- und Schweine-Hysterie war zum Glück keine Silbe wert.

Die Auswirkungen des Bebens sind mannigfach. So stand in der „The Sundy Times“ vom 4. Febr. 2001 unter der Überschrift „Believers’ ranks skyrocket“, wie die Gottesdienste und religiösen Zeremonien in allen Religionen zugenommen haben. Wörtlich heißt es: „Die einst Ungläubigen blicken heute zu ihm als ihren einzigen Retter auf“.

Jedenfalls sind die Tempel, Moscheen und andere Orte mit Menschenmengen überlaufen. Anbetung steht auf der Prioritätenliste an oberster Stelle. Selten hat der Glaube solch eine spektakuläre Wiederkehr erfahren. „Die Leute haben den Zorn Gottes gesehen. Sie beten um Gnade und bereuen ihre Sünden“, sagt Devdatt Gwalior. Die Frage ist nur, wer damit gemeint ist? So heißt es ein paar Zeilen weiter in dem Artikel: „Ungefähr 50 Frauen im Bahucharaji Tempel vom Bhola Park chanten ‚Ram dhoon’. „Die Frauen beten, um Mutter Erde zu besänftigen, und flehen sie an, sie vor ihrem Zorn zu bewahren’.“ Andere verteilen Flugblätter mit besonderen Mantras, um Mutter Erde zu beschwichtigen.“ Indem diese Mahamantras gesungen werden, soll die Mutter Erde bedrängt werden, alles Leben zu beschützen. Die Moslems erleben eine ähnliche „Erweckung“. Ihr Moscheen sind am Freitag überlaufen.

Die Dorfbewohner jenes Gebietes, nämlich von Dhrang bis Lodai, aus dem das Erdbeben herrührt, sind dabei besonders eifrig, seien es nun Moslems oder Hindus, „dharti mata“ (Mutter Erde) zu besänftigen. Während die Männer im Tempel beten, zünden ihre Frauen zu Hause „diyas“ (kleine Lampen) an. Ihre moslemischen Brüder bringen „namaz“ (Anbetung) dar.

Natürlich hat auch die wirklich Gläubigen dies nicht unberührt gelassen. Manches Herz wurde neu darauf ausgerichtet, im Angesicht dieser Vergänglichkeit, sich den ewigen Werten und dem wahren Gott zuzuwenden. Manch lauer Christ tat Buße über seine Schläfrigkeit und hat sich neu Jesus geweiht.

Die Auswirkungen dieses „Killer Quakes“, wie er nun offiziell genannt wird, nehmen immer größere Proportionen an. So schrieb die „Times of India“ am 5. Febr. 2001, daß gemäß der Schätzung der UNICEF (United Nations Children’s Fund) ca. 2,5 Millionen Kinder in der einen oder anderen Weise von dem Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Der 26. Januar dieses Jahres ist als „Schwarzer Freitag“, wie er nun von den Medien genannt wird, in die Geschichte Indiens eingegangen.


Bericht über eine wunderbare Bewahrung inmitten des Zentrums des „Killerbebens“ in Gujarat!

Neben mir sitzt David Benjamin Christian von Ahmedabad. Seine Geschichte ist mehr als bemerkenswert. In Zuge des Bhuj-Erdbebens hat sich nämlich ein Ereignis abgespielt, das man nur schwerlich als Zufall oder Glück bezeichnen kann. Am 26. Januar, dem Republic Day (Tag der Republik in Indien, ein besonderer Feiertag), war David mit 28 anderen christlichen Leitern der verschiedensten evangelikalen Denominationen in dem Hotel „Shree Maruti“ in Gandhidham zusammen gekommen, und zwar von allen Teilen des indischen Bundesstaates Gujarat. Sie wollten sich über das Kutchi Madu-Projekt austauschen. Es handelt sich um eine Bevölkerungsgruppe in einem Teil von Gujarat. Es ging darum, wie man diese Menschen am effektivsten mit dem Evangelium erreichen könnte.

Normalerweise wird das Frühstück im Parterre eingenommen. Doch der Hotelbesitzer entschuldigte sich für eine unerwartete Verspätung. Deswegen ließ er das Frühstück den Gästen in ihrem Stockwerk servieren. Um 8.40 Uhr standen die christlichen Delegierten Tee trinkend um das Buffet im 4. Stock des Hotels. Auf einmal vernahmen sie ein lautes Krachen und meinten zuerst, ein Jumbo-Jet komme im Tiefflug auf das Hotel zu. Dann begann alles so zu beben, daß David das Gleichgewicht verlor und den Treppenaufgang hinabfiel. Er kam zurückgelaufen und begann mit den anderen zu beten. „Jesus rette uns“, war sein Gebet und das der anderen Teilnehmer. Dann fing er mit anderen an, Gott zu danken. Niemand der Anwesenden schrie oder weinte.

Das Hotel war dem Epizentrum noch näher als die Stadt Buhj, die am schwersten getroffen und praktisch ausgelöscht wurde. Die Intensität des Bebens nahm so zu, daß sich die Anwesenden wegen des herumfliegenden Staubes nicht mehr sehen konnten. Marmorkacheln und Steinplatten fielen herab, doch niemand wurde getroffen oder verletzt.

Als Folge dieser verheerenden Erschütterung stürzten die beiden ersten Stockwerke des Hotels in sich zusammen und nun hätte man erwarten Können, daß alles andere in einem Berg von Schutt und Trümmern untergehen müßte. Doch das Gebäude sackte nur senkrecht hinunter und der Rest blieb stehen, wie ein riesiger Aufzug, der etwas in die Tiefe gefahren ist. Dies ist so unwahrscheinlich, daß es einem schwer fällt zu glauben, der obere Teil sei nicht umgekippt. Statt dessen blieb er über den ersten zwei zusammengedrückten Stockwerken etwas schräg stehen. Wären sie, wie sonst üblich, zum Frühstück im Parterre gewesen, hätte wahrscheinlich keiner überlebt.

Danach stiegen alle 29. Delegierten in den ehemals 3. Stock hinunter, der nun zum Erdgeschoß geworden war. Dort kletterte man über die Fenster hinaus. Es dauerte noch ca. 20 Minuten, bevor man erneut zusammenkam, um Gott für dieses Wunder der Bewahrung zu danken. Im ganzen Umkreis weit und breit war kein Gebäude stehen geblieben.

Jedenfalls hat sich dieses Ereignis tief in die Herzen und Gemüter dieser Christen eingeprägt, die hautnah eine Erfüllung von Psalm 91 Vers 7 erfahren haben. Nach menschlichen Ermessen hätten eigentlich alle umkommen müssen und mit einem Schlag wären praktisch alle Christen, die sich für einen bestimmten Bevölkerungsteil in Indien einsetzen, getötet worden. Ganz offensichtlich hat Gott seine beschützende Hand über seine Kinder dort gehalten (Ps. 139,5).


Die Segensspuren William Careys

In Indien stößt man unweigerlich auf die umfangreichen Segensspuren von William Carey. Es ist schier unglaublich, was dieser Mann geleistet hat. So übersetzte er die Bibel in mindestens 35 Sprachen. Ein bewegender Teil seines Dienstes war sein Einsatz gegen die schreckliche Sitte der Kinderopferung. Eher durch Zufall mußte er feststellen, wie es zu den religiösen Bräuchen der Inder gehörte, Kinder zwecks Segen, Fruchtbarkeit oder Glück den einzelnen Göttern bzw. Göttinnen zu opfern. Besonders schlimm war das Fest „Sagar Puja“ an der Mündung des Ganges ins Meer, das jedes Jahr im Januar zur Zeit des Vollmondes stattfand. Wenn der Mond in seinem vollen Glanz leuchtete, warteten die Mütter mit kleinen Babys auf dem Arm auf diesen glückverheißenden Moment. Mit dem Ruf „Ganga Ma Ki Jai“ (Sieg für die Mutter Ganges) eilten sie nach vorne auf das Ufer zu und warfen ihre Kinder in den Fluß hinab. Einige ertranken, andere wurden von Krokodilen oder Haien gefressen. Für dieses Opfer erhofften sie den Schutz, die Bewahrung und den „Segen“ durch die Flußgöttin. Einige glaubten auch, dadurch das Heil zu erlangen. Sie meinten, ihre Seele würde errettet, wenn sie ein Kind, die Frucht ihres Leibes, opferten (Micha 6,7). Während solcher Nächte wurden Hunderte von Kindern für ein religiöses Ritual geopfert.

Niemand gebot diesem Morden Einhalt, denn die Politik der britischen Empires schrieb vor, sich nicht in die religiösen Überzeugungen und Bräuche der Leute vor Ort einzumischen. Alle Glaubensvorstellungen sollten als gleichwertig gelten. Ähnliche Sätze vernimmt man auch heute im Zuge der multireligiösen Umfunktionierung unserer Gesellschaft. Dieses Credo der „Toleranz“ des humanistischen Sozialismus überrascht auch nicht, denn wir haben inzwischen wiederum gelernt, unsere Kinder zu opfern. Man nennt nur diesmal die Abtreibung das Recht der Frau auf Selbstverwirklichung. Nur durch diese Nichteinschränkung sei das wahre „Glück“ der Frau garantiert.

Carey war zutiefst erschüttert. Sein Herz blutete für diese unwissenden Menschen und er begann ernsthaft zu beten. Er schrieb an den damaligen Generalgouverneur Lord Wellesley. Der Gouverneur begann nun nachzuforschen, ob solche Praktiken von den Hindu-Riten vorgeschrieben sind. Carey, der die heiligen Bücher der Hindus studiert hatte, konnte nachweisen, daß dies nicht der Fall war. Darauf beschloß Lord Wellesley, diesen Brauch bei Todesstrafe zu verbieten. Im Januar des nächsten Jahres stellte er sogar Truppen am Flußufer auf. Carey und seine Freunde waren mit großer Dankbarkeit erfüllt, daß während des Sagar Puja des Jahres 1804 kein Kind mehr geopfert wurde.

Noch länger mußte Carey gegen den schrecklichen Brauch des „Sati“, die Witwenverbrennung, ankämpfen. Als er einmal ein Flußufer entlangging, sah er wie eine Gruppe von Leuten einen Leichnam zur Verbrennung bereiteten. Dann wurde eine Frau, die Witwe des Verstorbenen, gezwungen, sich neben dem Leichnam auf den Holzstoß zu legen. Danach wurde dieser Scheiterhaufen zeremoniell entzündet und die Flammen fuhren sofort hoch. Carey konnte durch das Feuer sehen, wie sich das bedauernswerte Geschöpf in Schmerzen wand, als die Flammen ihren Leib erfaßten. Die Menge, offensichtlich unwillig, die schrecklichen Schmerzensschreie zu vernehmen, schrie ekstatische Lobgesänge zu ihrem Gott, während das Feuer um sich griff.

Carey war zutiefst schockiert, die religiöse Verzückung dieser Menschen zu sehen, die sich um den Scheiterhaufen in Anbetungshaltung versammelt hatten. Seine Protestschreie zeigten keine Wirkung. Dieses Ereignis hinterließ tiefe Spuren im Gemüt des Missionars. Mehr denn je war er entschieden, dagegen anzukämpfen. Einmal mußte er mit ansehen, wie gleich drei Frauen auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes verbrannt wurden. Carey konnte das nicht mehr ertragen. Seine Nachforschungen ergaben, daß ca. zehntausend Frauen allein in Bengal auf diese Weise jedes Jahr durch das „Sati“ umkamen. Er unterbreitete diese Informationen, die er indischen Freunden verdankte, dem Gouverneur. Doch Lord Wellesley war in den Ruhestand getreten und sein Nachfolger kümmerte sich überhaupt nicht um solche Angelegenheiten. Erst 20 Jahre später wurde der unermüdliche Kampf des Missionars, den er im Namen Gottes gegen eine der unmenschlichsten Praktiken geführt hatte, von Erfolg gekrönt. Im Jahre 1829 erließ die englische Verwaltung ein Gesetz, das die Witwenverbrennung untersagte.


Liebe Freunde und Beter!

Diesmal melde ich mich nach einer Reise (24. Jan. bis 12. März 2001) in dieser eher ungewöhnlichen Form. Als ich nämlich gestern nach nun sechs Wochen wieder zu Hause eintraf, stellte ich fest, daß mein Bericht über den diesjährigen Indienbesuch so ziemlich vollständig in der Märzausgabe der Zeitschrift „ethos“ abgedruckt worden ist. Dadurch übernehme ich ihn diesmal gleich von dieser Zeitschrift und füge nur noch diese Zeilen an.

Aufschlußreich war noch ein Gespräch mit Madhu Christian, der im Rahmen der Alliance Mission so eine gesegnete Radioarbeit von Ahmedabad aus betreibt. Seine Betonung liegt auf Schulung derer, die zum Glauben gekommen sind. Er hat das tiefe Anliegen, die Bekehrten in Gottes Wort zu gründen. Er berichtete mir, wie am Missionsfeld vor allem die Katholiken und Pfingstler Schaden anrichten bzw. angerichtet haben. Schaden in Blick auf das wachsame Auge der RSS, jene fanatische Hindu-Truppe, die jede Gelegenheit sucht, um missionarische Tätigkeit seitens der Christen zu stören oder zu unterbinden. Madhus Begründung: Dorfbewohner werden vom Katholizismus angesprochen, weil ihnen geholfen wird. So schließen sich viele aus materiellen und sonstigen Vorteilen dieser Kirche an. Entscheidend ist dann, daß sie zur Messe kommen. Schulung in Gottes Wort ist nicht nötig, denn die geistlichen Belange besorgt der Priester.

Bei den Pfingstlern wird in erster Linie von Heilung und weniger von Bekehrung gesprochen. Das zentrale Thema ist der Heilige Geist und eine „Bekehrung“ geschieht durch Handauflegung mit der Verheißung des Geistes. Statt in Gottes Wort einzudringen, dreht man sich um die Charismen. Den so Bekehrten wird angedroht, daß sie den Heiligen Geist verlieren, wenn sie zu einer anderen Gemeinde oder Denomination wechseln.

Leider dürfte Madhu nicht übertrieben haben. So berichtete mir bei einer anderen Gelegenheit ein Pastor in Secunderabad, was sich bei einer „erwecklichen“ Versammlung in Andhra Pradesh vor Jahren abgespielt hatte. Der „Erweckungsprediger“ forderte die über viertausend Besucher auf, sich alle niederzuknien, wobei jeder seinem Gegenüber ins Gesicht sehen sollte. Jeder mußte darauf dem anderen die Hände auflegen. Danach wurde erklärt, daß nun alle den heiligen Geist haben. Ebenso wurde mit der Gabe der Heilung verfahren. Jeder habe jetzt angeblich im Glauben dieses Charisma empfangen und nun seien alle geheilt, weil man sich gegenseitig nicht nur den heiligen Geist, sondern auch die Heilung zugesprochen habe. So „problemlos“ und „spontan“ läuft in manchen Kreisen die Ausstattung mit dem „Geist“ und seinen angeblichen Gaben.

Wir kamen auch auf das Kastensystem zu sprechen und wie auch die Gläubigen nicht davor gefeit sind, von diesen Vorstellungen, gerade wenn sie aus einer höheren Kaste stammen, beeinflußt zu werden. William Carey bestand darauf, daß sich jeder Bekehrte von dem Kastenwesen lossagen mußte. Erst wenn er bereit war, mit jemandem von einer niederen Kaste gemeinsam zu essen, was sozusagen der Test für eine echte Gesinnungsänderung war, taufte Carey den Konvertiten. Madhu erzählte, wie Donald McGavaran, der Vater der Gemeindewachstumsbewegung, als erster propagierte, die zum Christentum Bekehrten sollten Gemeinden gemäß ihrer Kasten bilden, sogenannte „Kastengemeinden“. Sie sollten also nicht versuchen, in einer Versammlung verschiedene Kastenstufen zu integrieren. Ich fragte Madhu, was er davon hielte? Seine Antwort: „Kastensystem in der Gemeinde ist ein Fluch“ „Castesystem in the Church is a curse“.

Auf das gleiche Thema kam ich auch Tage danach bei OTI zu sprechen. Die Verantwortlichen für dieses Ausbildungsprogramm für Missionare von IEM haben mich praktisch jedes Mal seit meinen Besuchen in Indien zum Unterricht eingeladen. Nun traf ich nach Jahren P.S. Thomas wieder, dem früheren Executiv-Direktor von IEM (Indian Evangelical Mission). Das war eine unverhoffte Wiedersehensfreude, denn der Name dieses Bruders steht seit vielen Jahren auf meiner „indischen“ Gebetsliste. Er erzählte mir nun, wie er 1974 zu einer Tagung nach Seoul eingeladen worden war, wo es um das Thema Gemeindewachstum ging. Ein Sprecher war auch Yonggi Cho, der damals begann, berühmt zu werden. Andere Redner waren der bekannte Anthropologe Charles Kraft und eben auch McGavaran.

P.S. Thomas berichtete mir, wie er im Seminar McGavaran persönlich widersprach bzw. widerstand, als er vorschlug, Gemeinden entlang von Rassen- und Kastenlinien zu bauen. Das würde die Zahlen erhöhen, also Wachstum beschleunigen. Auch solle man die Leute erst christianisieren und danach erst zu Jüngern machen. Thomas’ Kommentar: „Diese Vorschläge verändern den Charakter der Gemeinde und zerstören sie. Die Gemeinde ist der integrierendste Faktor hier auf Erden.“ Für ihn selber war es eine besondere Freude, als er als junger südindischer Missionar, ausgesandt von IEM, im Norden des Landes zwei Inder zum Herrn Jesus führen durfte. Der eine gehörte einer der höchsten, der andere einer der niedersten Kasten an. Ihr gemeinsames Abendmahl war für ihn ein Stück Vorgeschmack des Himmels. Von daher empfand er McGavarans Vorschläge, der ja als Kind von Missionaren in Indien geboren worden war, besonders schmerzhaft. Deswegen brachte er es auch nicht übers Herz, einfach vornehm zu schweigen, als diese neuen Gemeindemodelle zwecks angeblicher „Wachstumsbeschleunigung“ vorgestellt wurden.

Mit besonderer Sorge mußte ich feststellen, wie Benny Hinn immer mehr Einfluß gewinnt und bekannter wird. Dies vor allem deshalb, weil nun TBN (Trinity Broadcasting Network), die größte christliche Fernsehstation, seit der neuen Verkabelung von praktisch jedem indischen Haushalt empfangen werden kann. Sie nennen sich „Miracle Network“ und rühmen sich, daß sie mit ihren Fernsehstationen ca. 4,1 Milliarden Menschen erreichen. Geleitet wird TBN von Paul Crouch, der zur „Assemblies of God“ (amerikanische Pfingstgemeinde) gehört. Über diesen Sender werden nun die schlimmsten Irrlehrer und Irrlehren, vor allem die Prediger des Wohlstandsevangeliums, ausgestrahlt. Dazwischen hört man auch Vorträge von guten Evangelisten, die biblische Wahrheiten verkündigen und in die Schrift hineinführen.

Paul Crouch ist Befürworter der „Glaubensbewegung“, auch als „positives Bekennen“ bezeichnet, deren führende Gestalt Kenneth Hagin ist. Mit diesen Strömungen verbindet sich der „Toronto-Segen“ ebenso wie die Lehre, daß Jesus bei der Kreuzigung geistlich starb und erst in der Hölle „wiedergeboren“ wurde. Doch das sind nicht die schlimmsten Irrlehren. So schreibt der inzwischen verstorbene Walter Martin, Amerikas bekanntester Fachmann für Sekten: „Der Präsident von TBN, Paul Crouch, hat diese Lehre offen vertreten und verbrachte einmal beinahe zwei Stunden damit, mich und drei andere Verkündiger davon zu überzeugen, daß wir ‚kleine Götter‘ sind. Viele evangelikale Organisationen, bewußt oder nicht, helfen ‚greulichen Wölfen‘, solche diabolischen Irrlehren zu verbreiten“ (The Agony of Deceit, Moody Press, S. 93). Walter Martin nennt solche Leute „Erzhäretiker“, die praktisch der ersten bzw. klassischen Lüge in der Geschichte der Menschheit aufgesessen sind. TBN sieht sich natürlich als ein reich gesegnetes Werkzeug Gottes, dazu berufen, mit Zeichen und Wundern das Reich Jesu auszubreiten und zu bauen. In Wirklichkeit ist dieser Sender ein Ge-richt Gottes (1. Petr 4,17) und bereitet buchstäblich dem Antichristen den Weg (2. Thess. 2,9).

Bewegend war für Catherine und mich das Kennenlernen eines indischen Ehepaars, das im Rahmen von IEM unter einem Stamm in Rajastan arbeitet. In SAIACS (South Asia Institute of Advanced Christian Studies) in Bangalore, wurde im Unterrichtsprogramm ein Film über das Leben William Careys gezeigt. Dabei war es ebenso tragisch wie bewegend mitzubekommen, daß einer der ersten Bekehrten wegen Übertretung der heiligen indischen Kastengebote von der fanatischen Menge umgebracht wurde. Danach erzählte mir die indische Missionarsfrau, wie gerade an diesem Tag (12. Febr.) die fanatischen Hindus in den Dörfern ein Fest veranstalten. Dabei wird jeder Dorfbewohner aufgefordert, den Göttern zu opfern. Nun hat es aber in diesen Landstrichen schon etliche neubekehrte Christen. Diese stehen vor einer ernsten Glaubensprobe, denn Weigerung bedeutet, daß besonders die Männer geschlagen und mißhandelt werden. Ich fragte dann, wie diese Stammesleute auf diese Bedrohung reagieren. „Die Gläubigen dort sind stark“, war ihre Antwort, doch sie hatte Tränen in den Augen.

Wie kann man diesen leidgeprüften Geschwistern helfen? Da ist zunächst Gebet. Auch versprach ich Madhu Christian, der ja schließlich in dem vom Erdbeben am schwersten getroffenen Gujarat lebt, mich um finanzielle Hilfe für die vom Erdbeben geschädigten Glaubensgeschwister nach meiner Heimkehr zu kümmern. Er hat einen sehr guten Überblick über die dortige Situation und weiß auch, wer das Geld am dringendsten benötigt. Bei ihm sind die finanziellen Gaben auch gut aufgehoben, denn schon als junger Christ hat er sich bewährt und Bestechung bzw. Unwahrhaftigkeiten, die dort leider alltäglich sind, abgelehnt. Den Verlockungen des Geldes ist manches Kind Gottes, gerade in diesen Ländern, erlegen und es ist nicht weise, ungeprüft größere Summen irgend jemanden, auch wenn er sich wiedergeboren nennt, anzuvertrauen. Zwar übergaben wir schon einen größeren Geldbetrag für solche Nöte, doch ist dies bestenfalls der „berühmte Tropfen auf den heißen Stein.“

Erstaunt war ich, wieviel Türen sich gerade im Rahmen von Schulungen auftaten bzw. auftun. So fragten mich gleich mehrere verantwortliche Leiter bzw. Lehrer an, ob ich bereit wäre, einen Blockunterricht zu bestreiten. Wie schon so oft im Zusammenhang mit Indien, war ich mehrmals zutiefst dankbar über Gottes Führungen. Ein besonderes Geschenk sind Menschen, die zum Glauben finden, und nach evangelistischen Botschaften haben etliche das Angebot der Errettung in Jesus angenommen. So möchte ich wiederum allen Betern herzlichen Dank sagen, denn die Gnade Gottes allein ist es, daß solche Reisen bzw. Einsätze stattfinden dürfen. Es gebe natürlich noch manches, eigentlich vieles, zu berichten, doch ist es mein Wunsch, besonders bei der heutigen Datenflut, eine gewisse Seitenanzahl nicht zu überschreiten.

Alexander Seibel


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